Checkliste zur Auswahl interkultureller Kompetenztrainings für Marokko

(Foto: M. Schnepf-Orth)

 

In der folgenden Übersicht werden Kriterien bereitgestellt, die KMU-Angehörigen die Auswahl von interkulturellen Trainingsangeboten oder Unternehmensberatern für das Zielland Marokko erleichtern sollen:

  • Anbietertypen/ Trainingsinhalte
  • Ziellandorientierung
  • Branchen-/ Zielgruppenorientierung
  • Trainingsmethoden
  • Trainerprofil
  • Trainingsort
  • Trainingsdauer
  • Referenzen
  • Trainingskosten
  • Kulturkonzepte

 

Anbietertypen/ Trainingsinhalte

Anhand des angebotenen Leistungsspektrums oder auch der Trainerqualifikationen können die meisten Trainingsanbieter in Anbietertypen kategorisiert werden. Je nach den Anforderungen des KMU, bzw. dem individuellen Trainingsbedarf der KMU-Angehörigen, ist deshalb zu prüfen, welcher Anbietertyp mit welcher Schwerpunktsetzung am besten passt:

  • ein auf interkulturelle Kommunikation und Sensibilisierung ausgerichtetes Training, mit Trainingsinhalten und –methoden, die ein hohes Maß an Selbstreflexion beinhalten,
  • eine interkulturelle Unternehmens- oder projektbezogene Beratung, die die Vermittlung von Kenntnissen über Geschäftsanbahnungen und Geschäftskommunikation in Marokko in den Vordergrund stellt,
  • Anbieter, die gleichermaßen mehrere Schwerpunkte bedienen können,
  • Seminaranbieter, die ‚offene’ Seminare mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen veranstalten.

Die meisten Trainingsanbieter positionieren sich zwischen der Vermittlung interkultureller Kompetenzen und der interkulturellen Unternehmensberatung. Positiv fallen solche Anbieter auf, die beispielhaft auf ihrer Homepage die Einsichtnahme in mögliche Trainingsinhalte und –abläufe ermöglichen. Die Inhalte eines maßgeschneiderten Trainings werden jedoch individuell vereinbart, je nach dem Bedarf des Unternehmens.

Sollen beispielsweise langfristig zu entsendende Mitarbeiter für die interkulturelle Kommunikation mit unterschiedlichen sozialen Gruppen in Marokko sensibilisiert und darauf vorbereitet werden, ihren Lebensmittelpunkt in das arabisch/französisch geprägte Umfeld einer marokkanischen Großstadt zu verlegen, so ist die Wahl eines Anbietertyps zu favorisieren, dessen Leistungsspektrum Schwerpunkte der interkulturellen Kommunikation, interkulturellen Sensibilisierung und Eigenreflexion enthält sowie konkrete Hinweise zur Verfügung stellt, wie sich der Umzug und das Einleben in der Stadt organisieren lassen, unter Umständen in Begleitung von Familienangehörigen.

Geschäftsreisende, die zum ersten Mal nach Marokko reisen, benötigen hingegen eher praktische Hinweise, wie Kontakte und Beziehungen aufgebaut werden können. Sofern die Projektentwicklung oder Gründung einer Niederlassung begleitet werden soll, stehen weitere interkulturelle Beratungsleistungen im Vordergrund, wie Marketing und die Gestaltung von Präsentationen, der Umgang mit Behörden, besondere Anforderungen an Führungskompetenzen, die Arbeitsweise internationaler Mitarbeiterteams und Anderes mehr. Für Unternehmensangehörige, die schriftlich, telefonisch, virtuell oder persönlich mit marokkanischen Kontaktpersonen kommunizieren oder eine Betreuung von Besuchern aus Marokko übernehmen sollen, stehen Kommunikationsstile, Zeitmanagement und andere Hinweise im Vordergrund.

siehe auch: Spektrum interkultureller Trainingsleistungen zum Geschäftsverhalten

 

Ziellandorientierung

Die Auswahl eines spezifisch auf Marokko zugeschnittenen interkulturellen Trainings wird sowohl für langfristig zu Entsendende als auch für kurzfristig Ausreisende empfohlen. Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass sich die Länder des arabischen Kulturraums sehr stark unterscheiden. Das bedeutet, dass Erfahrungen „mit oder in arabischen Ländern“ generell für kompetentes Verhalten auch in Marokko nicht ausreichen. Marokko unterscheidet sich von seinen maghrebinischen Nachbarländern hinsichtlich historischer, politischer, wirtschaftlicher und soziokultureller Entwicklungen, und erst recht von Ländern der arabischen Halbinsel. Je nach Sektor, Geschäftsebene, Unternehmensgröße, Großstadt oder ländlicher Raum trifft man in Geschäfts- und Behördenkontakten in Marokko auf Mitarbeiter mit unterschiedlich intensiven Auslandserfahrungen, deren kulturelle Identität sich erst bei näherem Kennenlernen erschließt. Ein großer Anteil der Führungskräfte hat einen Bildungs- oder Berufsabschluss in Frankreich oder Europa erworben und ist in der Lage mit verschiedenen Kommunikationsstilen umzugehen.

Ein interkultureller „Crashkurs“ für den gesamten arabischen Kulturraum (länderübergreifend) kann höchstens als erster Einstieg dienen.

 

Branchen-/ Zielgruppenorientierung

Die Homepages der meisten Trainingsanbieter umgehen eine Festlegung auf bestimmte Branchen, Sektoren oder Zielgruppen, um das Spektrum der potenziellen Klienten nicht von vornherein einzuschränken. Jedoch können alle in der Anbieterliste aufgeführten Trainingsanbieter auf den Trainingsbedarf des Unternehmens zugeschnittene Kompetenztrainings oder projektbezogene Beratungen vorweisen, die zusammen mit dem auftraggebenden Unternehmen entwickelt und spezifiziert werden (Trainingsplan). Vor dem Hintergrund des Trainingsbedarfs, sollten KMUs dennoch vorab prüfen, inwieweit der Anbieter einen Branchen- oder Projektbezug in die Themen und Fallbeispiele des Trainings integrieren kann. Ebenso sollte bei einem maßgeschneiderten Training darauf geachtet werden, dass die spezifischen Voraussetzungen, Interessenlagen und Einsatzfelder der Trainingsteilnehmer berücksichtigt werden.

Offene Seminarangebote können in der Regel nicht in ausreichendem Maße die Bedürfnisse einer spezifischen Zielgruppe oder einer Branche thematisieren.

 

Trainingsmethoden

Die Frage des Methodeneinsatzes ist abhängig von dem Erfahrungsstand der Teilnehmer und dem Trainingsziel. Die Methodenfrage ist insbesondere dann wichtig, wenn als Trainingsschwerpunkte die interkulturelle Sensibilisierung und Verhaltenskompetenzen (Verhaltensänderungen) beabsichtigt sind. Dann stehen neben den informatorischen vor allem die interaktiven Trainingsmethoden im Vordergrund: z.B. Interaktionenanalyse, interkulturelle Planspiele, interkulturelle Fallstudien, Trainingsvideos etc.

 

Trainerprofil

Informationen über den Erfahrungshintergrund und die Qualifikationen des jeweiligen Trainers/ Beraters dienen als Anhaltspunkte, inwieweit ein Anbieter zu den Anforderungen des Unternehmens passt. Erforderlich sind Qualifikationen, wie eine langjährige Arbeits- und Lebenserfahrung im Zielland und Deutschland, um sich in Situationen und Interaktionen hineinversetzen zu können, die vermutlich auch den Trainingsteilnehmern in Marokko begegnen werden. Trainererfahrung, die Beherrschung von Moderationstechniken und profundes landeskundliches Wissen, auch über den Islam, sind ebenso vorrangig. Je nach Trainingsziel spielen außerdem psychologische oder betriebswirtschaftliche Kenntnisse bzw. eigene Erfahrungen mit Geschäftshandeln eine Rolle. Will man eine unabhängige Bewertung des Anbieters in Erfahrung bringen, sollte man (branchenverwandte) Unternehmen kontaktieren, die von den Anbietern als Referenzen genannt werden.

Nur wenige Trainingsanbieter setzen marokkanische Trainer ein. Trainer mit einer Herkunft aus dem jeweiligen Zielland sollten über einen bikulturellen Hintergrund verfügen, um die Kultur des Ziellandes auch aus der Fremdperspektive wahrnehmen zu können. Auf Wunsch werden Trainer-Tandems eingesetzt, um kulturelle Unterschiede aus unterschiedlicher Perspektive besser vermitteln zu können.

 

Trainingsort

In der Regel ist es kostengünstiger, maßgeschneiderte Trainings in den Räumen des auftraggebenden Unternehmens durchzuführen („inhouse“). Die Nähe zum Arbeitsalltag birgt jedoch die Gefahr der Ablenkung von den Trainingsinhalten. Viele Anbieter führen Beratungsleistungen auch vor Ort durch. Das hat den Vorteil, dass konkrete Erfahrungen in Marokko entweder begleitend oder rückblickend analysiert werden können und nicht simuliert, gespielt oder virtuell herbeigeführt werden müssen. Viele Fragen stellen sich erst während des Aufenthaltes in Marokko. Dann ist es ideal, wenn Klienten zwischenzeitlich Feedbacks von ihren interkulturellen Beratern erhalten können.

 

Trainingsdauer

Die Trainingsdauer ist abhängig von der Teilnehmerzahl, die ihre Erfahrungen einbringen sollen, und dem Trainingsziel. Ein Einzeltraining zwecks Mitarbeiterentsendung kann somit kürzer ausfallen als das für eine ganze Gruppe. Für ein Marokko-Einstiegs-Modul, beispielsweise mit einer Schwerpunktsetzung auf interkulturelle Sensibilisierung wird die Dauer von einem bis zwei Tagen empfohlen. Im Einzelfall sollten bedarfsgerechte Trainingszeiten vereinbart werden, um einerseits Lernerfolge zu erzielen und andererseits die Teilnehmer nicht zu überfordern. Je nach Bedarf können Vertiefungsmodule folgen. Sofern ein ausreichendes Zeitfenster zur Verfügung steht, sollte ein Training in Intervallen einem Training mit langen Trainingszeiten vorgezogen werden. Projekt- oder themenbezogene Beratungen sind nicht so zeitintensiv wie eine interkulturelle Sensibilisierung. Für Sprachtrainings ist mit wesentlich längeren Lernzeiten zu rechnen.

 

Referenzen

Fast alle Anbieter listen Unternehmen oder Institutionen als Referenzen auf ihrer Homepage auf. Doch daran lässt sich nur in Einzelfällen eine Zielgruppenorientierung oder Branchenspezialisierung ablesen, weil gerne große oder bekannte Klienten genannt werden. Die Kontaktaufnahme mit den angegebenen Referenz-Unternehmen bietet jedoch eine Möglichkeit, sich über Erfahrungen anderer Unternehmen mit dem jeweiligen Trainingsangebot zu informieren.

 

Trainingskosten

Je nach Anzahl der Teilnehmer, dem Trainingsort und der Trainingsdauer können maßgeschneiderte Trainings- oder Beratungsangebote kostengünstiger ausfallen als der Besuch offener Seminare. Die Anbieter bringen bei maßgeschneiderten Trainings oder Beratungen ihre Netto-Tagessätze in Ansatz, je nach Erfahrung liegen diese bei etwa 850,- bis 1000,- EUR für Anfänger und bei 1500,- bis 2000,- EUR für erfahrene Trainer. Hinzu kommen Spesen und Steuern. Die Kosten für offene Seminare bewegen sich zwischen 200,- (IHK-Tagesseminare) und 800,- EUR pro Teilnehmer und Tag.

 

Kulturkonzepte

Ein Trainer sollte darlegen können, welches Verständnis von Kultur dem Training zugrunde gelegt wird, und Auskunft über Vor- und Nachteile bzw. Unzulänglichkeiten des verwendeten Kulturkonzeptes geben. Da Kultur ein hochkomplexes soziales Konstrukt darstellt, wird im Trainingsalltag dazu tendiert, vereinfachende, geschlossene oder „essentialistische“ Kulturkonzepte zu verwenden. Demnach wird Kultur häufig als fixierter und geschlossener Rahmen von Verwandtschaft, Religion, Geistesgeschichte oder Territorium (Nation) definiert, der ein Individuum maßgeblich prägt. Zentrale Maßstäbe und Orientierungsmerkmale dieser (monokulturellen) „Nationalkulturen“ oder „Leitkulturen“ werden dabei häufig als „Kulturstandards“ bezeichnet. Diesen enger gefassten Kulturbegriffen stehen Positionen gegenüber, die Kulturen als offene, dynamische und heterogene Systeme begreifen. Kultur wird demnach in von Machtverhältnissen bestimmten menschlichen Aushandlungsprozessen hergestellt. Kulturen präsentieren sich dabei durch beliebige, mehr oder minder große Gruppen oder Milieus, die durch offene Netzwerkverbindungen charakterisiert sind. Eine Community im Internet stellt in diesem Sinne ebenso eine Kultur dar, wie es bei einem Nationalstaat der Fall ist. Durch den offenen Netzwerkcharakter der jeweiligen Gruppen wird vor allem die Dynamik und Wandelbarkeit von Kulturen betont.

 

Weitere Informationen:

Stichworte im Glossar Kultur und Entwicklung:
Kulturbegriff, eng
Kulturbegriff, weit
Kulturstandards
Kulturdimensionenmodell

 

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