Relevanz interkultureller Trainings oder Beratung für ein geschäftliches Engagement in Marokko

 

Die Länder des arabischen Kulturraums unterscheiden sich sehr voneinander. Von allen Ländern des Maghreb sticht Marokko durch seine Reform- und Modernisierungsprozesse hervor und steht Europa kulturell wie politisch nahe, weshalb die interkulturelle Kommunikation auf den ersten Blick unproblematisch erscheint. Die europäisch anmutenden Lebensstile in den marokkanischen Wirtschaftszentren und die französischen Einflüsse, die dort das Geschäftsleben bestimmen, erschweren die Wahrnehmung kultureller Unterschiede in Denk- und Verhaltensmustern, weil sie zumindest in den Großstädten nicht überall deutlich in Erscheinung treten. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht existieren.

(Foto: M. Schnepf-Orth)

Diverse befragte Akteure im deutsch-marokkanischen Geschäftsleben betonen einhellig die Relevanz kulturspezifischer Kenntnisse und interkultureller Kompetenzen für Marokko, verknüpft mit Einblicken in das Geschäftsleben und in die Arbeitsweisen der Behörden. Befragt wurden hierzu deutsche KMU-Angehörige, Anbieter interkultureller Kompetenz-Trainings, Mitarbeiter der deutschen Außenwirtschaftsberatung und der Entwicklungszusammenarbeit sowie marokkanische Umweltexperten, die mit deutschen Unternehmen interagieren.

 

Die befragten deutschen Angehörigen kleiner Betriebe der Umwelttechnikbranche, die in Marokko tätig sind, nehmen interkulturelle Trainings- und Beratungsleitungen zum Erwerb dieser Kompetenzen in der Regel als zu kostspielig wahr und deshalb eher nicht in Anspruch. Sie tendieren zu dem individuellen Sammeln von Erfahrungen über private und geschäftlich motivierte Reisen nach Marokko und bauen sich ein Unterstützernetzwerk von Freunden oder Vertrauenspersonen vor Ort auf. Außerdem wird der Austausch mit ziellanderfahrenen deutschen Kollegen oder Partnern gesucht. In vielen Fällen erkennen sie erst rückblickend, nach ersten Kontakten mit marokkanischen Akteuren, Probleme der bikulturellen Interaktion. Bei der Suche nach Erklärungen und Einordnung der ungewohnten Verhaltenswiesen werden erst dann ggf. interkulturelle Literatur und Ratgeber herangezogen.

 

Interkulturelle Trainer oder Berater vermitteln bereits zur Vorbereitung oder Begleitung des Geschäftshandelns in Marokko die sogenannten „arabischen Kulturstandards“, ihren Entstehungskontext sowie Kenntnisse über islamische Ethik, weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass Denk- und Verhaltensmuster der Bevölkerung variieren, zwischen sozialen Gruppen und Lebensstilen in Städten und auf dem Land, zwischen den Regionen sowie zwischen Altersgruppen und Geschlechtern. In diesem Spektrum kultureller Identitäten gelten traditionelle Werte und Normen in unterschiedlich starker Ausprägung.

 

Eine besondere Herausforderung für deutsche Unternehmensangehörige stellt vor diesem Hintergrund die Einschätzung der eher „arabischen“ bzw. „französischen“ Prägung marokkanischer Geschäfts- oder Kooperationspartner dar. Es kann in der Regel zwar davon ausgegangen werden, dass sehr gut ausgebildete marokkanische Fachkräfte über weitgehende interkulturelle Erfahrungen mit Europäern verfügen, zumal ein großer Teil der männlichen Fachkräfte in Entscheidungspositionen in Frankreich oder anderen europäischen Ländern tätig war oder in diesen Ländern studiert hat. Allerdings spielt sich das kulturelle Verhalten nicht allein und nicht einmal vorwiegend auf der Ebene des Wissens ab, so dass die traditionelle kulturelle Identität in der Alltagspraxis durchaus weiterhin relevant und verhaltensleitend sein kann, nicht nur in ländlichen Gebieten. So sollten beispielsweise Signale der äußeren europäischen Erscheinung nicht darüber hinweg täuschen, dass geschlechterspezifisches Verhalten weiterhin den traditionellen Normen  unterliegen kann: Auch wenn sich erwerbstätige marokkanische Frauen in Casablanca überwiegend westlich kleiden, so ist dennoch z.B. das Händeschütteln nicht automatisch selbstverständlich.

 

Eine der zu erlernenden Fähigkeiten für die Kommunikation mit Marokkanern und Marokkanerinnen besteht deshalb darin, die Art der kulturellen Prägung im Gespräch herauszufinden. Das sich Hineinversetzen in Personen mit einem anderen kulturellen Hintergrund erfordert hier die Kenntnis und Überwindung der eigenen ethnozentrischen Denk- und Wahrnehmungsmuster. Dadurch werden zusätzliche Spielräume für die Interpretation des Verhaltens Anderer gewonnen. Interkulturelle Berater verweisen in diesem Zusammenhang u.a. auf die bedeutende Rolle des „Smalltalk“, der Gesprächsthemen jenseits der geschäftlichen Interessen zum Inhalt hat und dazu beiträgt, das „Umfeld“ und die Persönlichkeit des Partners kennen zu lernen.

 

Marokkanische Vertrauenspersonen oder Berater können als kulturelle Vermittler für deutsche Unternehmensangehörige hilfreich sein, sofern sie die Perspektive deutscher Fachkräfte einnehmen können. Das bedingt einerseits Kenntnisse und Erfahrungen mit deutschen Verhaltensweisen und andererseits die Fähigkeit zur Distanzierung gegenüber der eigenen Kultur. Ebenso erfordert die Weitergabe von Verhaltenstipps – auch seitens deutscher Kollegen – die weitergehende Fähigkeit, kulturelle Unterschiede auch begründen zu können. Gelingt es nicht, die Entstehung anderer Denk- und Verhaltensmuster in ihrem jeweiligen Kontext zu erklären, führt dies unter Umständen zu einer Weitergabe von Stereotypen - „die sind halt so“ – und fördert die Tendenz zu negativen Bewertungen.

 

Interkulturelle Trainings oder Projektberatungen können zu schnelleren und häufig auch kostengünstigeren Lernerfolgen beitragen, als dies u.U. zeitintensive Learning-by-doing Prozesse vermögen.

 

zurück__________________________________________________weiter