„Zwischen den Zeilen lesen“ – indirekte Kommunikation decodieren

Medersa Ben Youssuf, Marrakesch
(Foto: M. Schnepf-Orth)

In einem gesellschaftlichen Umfeld, welches Respekt (Stolz) und Würde sehr hoch bewertet, legen viele Marokkaner Wert darauf, wie sie auf ihr Umfeld wirken. Es dominiert deshalb ein indirekter Kommunikationsstil, der „auf eine Stärkung und Optimierung der Beziehungsebene zielt. Das Wie steht vor dem Was.“[1]

Deutsche Unternehmensangehörige erleben das Kommunikationsverhalten in der marokkanischen Geschäftskultur mitunter als Herausforderung. Beispielsweise wird der Umgang mit Informationen und die „wahrheitsgemäße“ Weitergabe von Informationen als schwierig empfunden, weil man Signale der marokkanischen Seite entweder nicht (rechtzeitig) bemerkt oder den indirekten Kommunikationsstil nicht decodieren kann. So fällt es deutschen Unternehmensangehörigen manchmal schwer, zu erkennen, ob kommunizierte Sachverhalte richtig verstanden werden, weil das Eingeständnis des Nichtverstehens nicht gerne direkt kommuniziert wird. Vorsorglich setzen deutsche Unternehmen deshalb Wiederholungen oder Abbildungen in Präsentationen ein und lassen ausgewählte Sachverhalte ins Arabische übersetzen.

Deutsche nehmen es als ungewohnt wahr, dass marokkanische Gesprächspartner gegebenenfalls direkte Kritikäußerungen vermeiden und sich vor Gesichtsverlust schützen, indem z.B. klare Aussprachen umgangen oder problematische Sachverhalte umschrieben oder beschönigt werden. Entsprechend muss die Fähigkeit eines „zwischen-den-Zeilen-Lesens“ entwickelt werden, um die verbalen und nonverbalen Äußerungen des geschäftlichen Gegenübers zu verstehen. Andererseits überraschen marokkanische Offizielle ihre westlichen Gesprächspartner mit ihrer offenen Art und einer ungeschminkten Problemanalyse, „eine Seltenheit in der arabischen Welt“[2].

Deutschen Unternehmensangehörigen fällt weiterhin auf, dass bedeutende Projekte „unaufgeregt“ besprochen oder in inoffiziellen Begegnungen verhandelt werden. Diese vermittelte „Unaufgeregtheit“ wird als Kontrast zu den eigenen „Euphoriegefühlen“ zu Beginn eines wichtigen Projekts wahrgenommen. In einzelnen Fällen wird demgegenüber auch ein ausdrucksstarkes oder lautes Kommunikationsverhalten erlebt.

Über die Unterschiede im Kommunikationsverhalten[3] hinaus wird auch in Marokko die Herausbildung einer internationalen Geschäftskultur wahrgenommen, die eine Kommunikation zwischen Geschäftspartnern zunehmend erleichtert, in deren Kontext sich manche deutsche Unternehmensangehörige allerdings aufgefordert fühlen, zunächst eine gewisse „Grundbescheidenheit“ aufzubringen.

 

 

[1] Kratochwil, G. (2007): Business-Knigge: Arabische Welt, Zürich: 94.

[2] Schiller, Thomas (2007): Islam und Demokratie in Marokko. Integration oder Niedergang des politischen Islam, Bericht der Konrad Adenauer Stiftung (KAS), http://www.kas.de/wf/doc/kas_12803-544-1-30.pdf

[3] Weiterführende Informationen: „Das Einmaleins der arabischen Kommunikation“ und „Konfliktmanagement“, in: Kratochwil, G. (2007): Business-Knigge: Arabische Welt, Zürich, S. 93-100, 126-133.

 

 

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