Infokastenen 4: Fassi- und Swassa-Familien als rivalisierende Eliten

Karawanserei in Fès
(Foto: M. Schnepf-Orth)

Im Kollektivbewusstsein der marokkanischen Gesellschaft ist das Ansehen traditioneller Eliten fest verankert, die zum Teil heute noch über gesellschaftliches Prestige und ökonomische und/oder politische Macht verfügen.

Die Fassi genießen innerhalb der marokkanischen Gesellschaft seit jeher eine besondere Stellung. Sie avancierten im vor- und postkolonialen Marokko zum Inbegriff der arabophon, später auch arabophon-frankophon, geprägten marokkanischen Elite, zum Inbegriff „des Städters“. Diese gesellschaftlich zugeschriebene Stellung leitet sich aus der historischen Sonderstellung der Stadt Fès als geistig-religiöses, politisches und ökonomisches Zentrum Marokkos bis zur französischen Protektoratszeit ab. Früher verstand man unter Fassi Angehörige von wohlhabenden oder einflussreichen Familien, die ursprünglich aus Fès stammen und in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft führende Positionen einnahmen. Heute ist man Fassi durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Fassi-Familien und nicht durch den Geburtsort Fès. Fassi zu sein wird mit bestimmten materiellen Attributen verbunden sowie moralisch ethischen Eigenschaften, zu denen Glaube und Sparsamkeit, gute Erziehung und gutes Benehmen zählen. (Kratochwil 2002: 259-266)

 

Bei den Swassa-Familien handelt es sich um eine berberophone Oberschicht, zunächst von Einzelhändlern, die in der Protektoratszeit den Lebensmittelhandel der marokkanischen Städte dominierten. Nach der Unabhängigkeit behaupteten sie sich als Großhändler im rentablen Zucker- und Teehandel, nachdem sich viele jüdische Kaufleute aus Marokko zurückzogen. Swassa-Händler bildeten z.B. in Casablanca zu Beginn der 50er Jahre eine ernstzunehmende Konkurrenz der dort schon etablierten Fassi-Händler. Sie verfügten jedoch über keine internationalen Handelsverflechtungen. Obwohl die Swassa-Elite auf nationaler Ebene ökonomisch äußerst einflussreich war, konnte sie infolge ihrer ländlichen Herkunft und ihrer Zugehörigkeit zu einer als inferior angesehenen Sprache und Kultur nur wenig symbolisches und gesellschaftliches Ansehen gewinnen. Aus der Sicht der arabophonen Gruppen werden den Swassa Attribute wie ländlich, ungebildet und geizig zugeschrieben und auch zur verallgemeinernden und abwertenden Bezeichnung anderer berberophoner Gruppen Marokkos gebraucht. (Kratochwil 2002: 268-270, 277)

 

In der Zeit nach der Unabhängigkeit versuchten Allianzen von politischen Parteien mit Swassa oder Fassi die ökonomische Rivalität und Disparitäten zwischen den beiden gesellschaftlichen Gruppen zu instrumentalisieren. Die Swassa- und Fassi-Eliten neigen noch immer bestimmten Parteien zu, jedoch weitgehend unabhängig von politischen Programmen. Neben der zumeist auf den Wirtschaftssektor beschränkten Bedeutung der berberophonen Swassa konnte sich hingegen eine berberophon-frankophone Intelligenzija aus dem mittleren Atlas in den Militär, Staats- und Verwaltungsapparat integrieren; allerdings konnten fast keine Berber führende Positionen in den für ökonomische und politische Entscheidungsprozesse entscheidenden Ministerien besetzen (Wirtschaft, Handel, Außenbeziehungen, Justiz). Diese Posten blieben der Fassi-Elite vorbehalten. Einflussreiche Fassi-Familien besetzten somit eher strategisch wichtige Positionen im Finanz- und Bankensektor, den zentralen Export-, Import- und Zollbehörden sowie den Schlüsselministerien. (Kratochwil 2002: 274, 267)

 

Quelle:

Kratochwil, G. (2002): Die Berberbewegung in Marokko. Zur Geschichte der Konstruktion einer ethnischen Identität (1912-1997). Islamkundliche Untersuchungen Bd. 27. Berlin.

 

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