Infokasten 3: Politischer Islam in Marokko

 

Marokko gilt als eines der weltweit liberalsten islamischen Länder. Dennoch spielen die Bewegungen des politischen Islam in Marokko eine große gesellschaftspolitische Rolle. Allerdings unterscheiden sich die Organisationen in ihren Inhalten, Strategien, Aktionsmodi, dem Verhältnis zur Staatsführung und ihrem Verhalten im bestehenden politischen System. Sie konzentrieren ihre Aktivitäten hauptsächlich auf die lange Zeit vom Staat vernachlässigte Sozialpolitik. Dabei findet der sittlich-moralische Blick auf die nationalen und internationalen Entwicklungen im Allgemeinen, gekoppelt mit einer kontinuierlichen humanitären Basisarbeit, in der Bevölkerung viel Anklang – quer durch alle sozialen Gruppen (Mattes 2003: 2-4).

 

Die islamische Partei PJD

Die Partei PJD (Parti de la Justice et du Développement) durfte sich ähnlich wie die linksradikale Partei MPD im Zuge der Demokratisierungsphase Ende der 90er Jahre in Marokko konstituieren (Moket 2007: 329). Politikwissenschaftler bewerten ihre Präsens in der Parteienszene und im Parlament als Strategie zur Legitimierung der Monarchie innerhalb der Anhängerschaft der Islamisten (Storm 2007: 88). Die PJD ist seit den Parlamentswahlen 2002 im Parlament vertreten und hat sich seit 2007 als zweitstärkste Kraft in der parlamentarischen Opposition etabliert. „Weniger die Einführung islamischer Gesetzgebung, der Scharia, ist ihr Thema, als vielmehr die „Moralisierung“ der Politik, der Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch sowie eine effektive Sozialpolitik.“ (Schiller 2007: 99)

 

Die Massenbewegung Al-Adl wa al-Ihsan

Die systemkritische, islamische Bewegung „Gerechtigkeit und Wohlfahrt“ (Al-Adl wa al-Ihsan) gilt als stärkste Kraft des politischen Islam, deren Netz für soziale Hilfe dichter ist und besser funktioniert als das des Staates (Mattes 2003). Die außerparlamentarisch aktive Organisation hat sich zur Gewaltlosigkeit verpflichtet und kritisiert u.a. die Vermögensanhäufung des Königshauses. Die Anhänger rekrutieren sich überwiegend aus den unteren und mittleren Einkommensgruppen der großstädtischen Arbeiterviertel und Altstadtgebiete sowie aus Studentenkreisen. Obwohl sie sich in vielerlei Hinsicht in Fundamentalopposition zur Monarchie befindet, arrangiert sich Al-Adl wa al-Ihsan mit dem Machtapparat, der wiederum des öfteren ihre Aktivitäten unterbindet. Obwohl offiziell verboten, toleriert der Staat de facto die Bewegung, „die einen spezifisch marokkanischen, vom Sufismus geprägten Islam vertritt und damit auch ein nützliches Bollwerk gegen die Einflüsse des Wahabismus und des salafitischen Terrorismus der al Qaida darstellt.“ (Schiller 2007: 103)

 

Radikale Islamisten

Die Zahl militanter Islamisten wird von einigen Beobachtern auf 700 geschätzt, jedoch ist diese Angabe nicht verlässlich. Ebenso undurchsichtig sind die Organisationsstrukturen (Mattes 2003: 9). Das lose Netzwerk von Predigern und Gruppen wird Salafiyya Jihâdiyya genannt, die gegen unmoralische oder korrupte muslimische Führer oder Staatsoberhäupter rebellieren. Militante Islamisten rekrutieren sich dabei überwiegend aus benachteiligten und vom Staat vernachlässigten Siedlungen (Cohen/ Jaidi 2006: 110-111). Zuletzt kam es 2003 und 2007 in Casablanca zu terroristischen Anschlägen, die umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen der Regierung auslösten.

 

Weitere Informationen:

 

Quellen:

- Cohen, S./ Jaidi, L. (2006): Morocco. Globalization and its Consequences. New York, London.
- Mattes, H. (2003): Islamisten in Marokko : Ein wachsendes Problem? German Institute of Global and Area Studies (GIGA), http://www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/content/imes/menastabilisierung/pdf/mena_tp3_aspekte_5.pdf
- Moket, S. (2007): Politische Partizipation marokkanischer Frauen am Demokratisierungsprozess Marokkos. Frankfurt am Main, London.
- Schiller, Th. (2007): Islam und Demokratie in Marokko. Integration oder Niedergang des politischen Islam, Bericht der Konrad Adenauer Stiftung (KAS), http://www.kas.de/wf/doc/kas_12803-544-1-30.pdf
- Storm, L. (2007): Democratization in Morocco. The political elite and struggles for power in the post-independence state. London, New York.

 

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