Islam in Marokko

Minarett der Medersa Bou Inania, Fès
(Foto: M. Schnepf-Orth)

Der Islam ist auch in Marokko nicht nur Religion, sondern Gesellschaftsordnung und Wirtschaftsfaktor gleichermaßen und spielt deshalb auch im beziehungsorientierten Geschäftsleben eine Rolle. Die marokkanische Zivilgesellschaft und das Staatswesen sind - trotz der Offenheit gegenüber westlichen Einflüssen - tief im Islam verwurzelt. So können deutsche Unternehmensangehörige beispielsweise damit rechnen, dass in Fragen der kommunalen Abfallentsorgung gegebenenfalls mit einem Bürgermeister der islamischen Partei PJD verhandelt wird oder in vereinzelten Fällen die Finanzierung der Abfallentsorgung auch aus religiösen Stiftungen (Habous) gedeckt wird.

Eine Kooperation mit muslimischen Geschäftspartnern setzt also voraus, sich mit den zentralen Begriffen des Islam und den daraus resultierenden Handlungsmaximen für Muslime vertraut zu machen, denn diese Kenntnisse verschaffen neben den fachlichen Kompetenzen zusätzlichen Respekt. Den Islam in Marokko zu verstehen ist allerdings nicht ganz einfach, denn es kommen mannigfache und divergente Interpretationen des Islam im konkreten Alltagshandeln sowie in sozialen und politischen Bewegungen zum Ausdruck.

Die Mehrheit der Marokkaner sind sunnitische Moslems der malekitischen Rechtsschule, und im marokkanischen Islam lassen sich zunächst zwei Hauptrichtungen unterscheiden: eine nüchtern-sachliche Orientierung und eine eher mystische Richtung, die insbesondere in ländlichen Regionen verbreitet ist. Im sogenannten „Volksislam“ spielen religiöse Bruderschaften und die Heiligenverehrung (Marboutismus) eine Rolle sowie der Glaube an die Scherifen - Nachkommen des Propheten - zu denen auch die Könige der gegenwärtigen Alawiten-Dynastie zählen.

 

Wahrnehmung sozialpolitischer Aufgaben

In Marokko existieren klassisch-islamische und weitere mystische Bruderschaften sowie eine Vielzahl religiöser Stiftungen, die auch heute noch einen Großteil der sozialpolitischen Aufgaben übernehmen. Dabei spielt der Maraboutismus eine große Rolle, dessen Aktivitäten vor allem in ländlichen Regionen nach wie vor bedeutend sind.[1] Marabouts sind „Heilige“, die in einer besonderen Beziehung zu Gott und den Propheten gesehen werden und deshalb für ihre Gefolgschaft eine charismatische Autorität besitzen. Marabouts oder nach ihrem Tod, die Maraboutverwalter übernehmen dabei Gemeinschaftsaufgaben, die über ein umfangreiches Spendenwesen finanziert werden.

Sozialpolitische Aufgaben zur Durchsetzung des islamischen Gemeinschaftsideals im Alltag werden auch von religiösen Stiftungen für Wohltätigkeitszwecke übernommen, die sich einerseits im Umfeld von Heiligen (Marbouts) und ihren Grab- oder Pilgerstätten herausgebildet haben oder sich andererseits aus Habous (Spenden für gemeinnützige Zwecke) finanzieren. Das derzeitige Ministerium für Habous organisiert das religiöse Stiftungswesen landesweit. Die Mittel dienen weitgehend zur Gewährleistung der Armenfürsorge sowie auch zur Bereitstellung öffentlicher Einrichtungen und der Schaffung von Wohn- und Erwerbsgelegenheiten für benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Diese religiösen Stiftungen übernehmen in einigen Fällen auch kommunale Infrastrukturdienste wie Straßenreinigung oder Abfallentsorgung.[2]

 

Religiöse Legitimierung des Staatswesens und politischer Auffassungen

Das marokkanische Staatswesen ist stark vom Islam durchdrungen: Alle marokkanischen Dynastien berufen sich auf den Islam, um ihre Herrschaft zu legitimieren und ihren Autoritätsanspruch nach innen und außen abzusichern. Inwieweit die Religion die Modernisierung der Gesellschaft fördert oder behindert hängt dabei in entscheidendem Maße vom Islamverständnis der jeweiligen staatlichen Verantwortungsträger ab.[3] Beispielsweise wurde unter König Hassan II. – dem Vater Mohammed VI. – das aus dem Koran abgeleitete Prinzip der Konsultation (Schura) als authentisch islamisches, demokratisches Element der marokkanischen Monarchie definiert. Demnach zählen verschiedene Formen von Partizipation der Staatsbürger zu den religiösen Pflichten des gerechten Herrschers. Das Prinzip der Schura lag auch der Gestaltung der verfassungsrechtlichen Organe, wie Parlament und Räte, zu Grunde, die im Kern ebenfalls als Konsultativorgane zu bezeichnen sind.[4]

Gegenwärtig zeigt ein Nebeneinander von dogmatischen und modernisierungsbereiten gesellschaftlichen Strömungen, dass die Religion im marokkanischen Staatsverständnis weiterhin eine entscheidende Rolle spielt. Beispielsweise hat die marokkanische Unabhängigkeitsbewegung erfolgreich moderne westliche Philosophien mit islamischer Ethik in Einklang gebracht.[5] Eine modern orientierte Elite erkennt derzeit in der religiösen Legitimierung politischer Anliegen einen Garanten, für ihre demokratischen Anliegen zu werben. Auch die marokkanischen Menschenrechtsbewegungen sehen ihre universell intendierten, politischen Forderungen in Einklang mit der islamischen Ethik. Die von Mohammed VI. durchgesetzte Reform des Familienrechts wurde in einem islamischen Rahmen konzipiert, um sie nicht als Distanzierung von der islamischen Rechtsordnung (Scharia) erscheinen zu lassen.[6] Der seit 2002 amtierende parteilose Minister für religiöse Stiftungen (Habous) und islamische Angelegenheiten, Ahmed Toufiq, gilt als Vertreter eines liberalen, modernen Islams.[7] Befürworter und Kritiker der marokkanischen Monarchie berufen sich auf den Islam. So stellt die islamische Massenbewegung Al-Adl wa al-Ihsan den Alleinherrschaftsanspruch des Königs grundsätzlich in Frage.

 

Weitere Informationen:

  • Grundlagen des Islam. In: Kratochwil, G. (2007): Business-Knigge: Arabische Welt. Erfolgreich kommunizieren mit arabischen Geschäftspartnern. Zürich: 134-152.

 

 

[1] Khallouk, M. (2008): Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas. Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität. Wiesbaden: 181-182.
[2] Ebenda: 182.
[3] Ebenda: 329.
[4] Moket, S. (2007): Politische Partizipation marokkanischer Frauen am Demokratisierungsprozess Marokkos. Frankfurt am Main, London.
[5] Schiller, Th. (2007): Islam und Demokratie in Marokko. Integration oder Niedergang des politischen Islam, Bericht der Konrad Adenauer Stiftung (KAS): 98. http://www.kas.de/wf/doc/kas_12803-544-1-30.pdf
[6] Khalluk, M. (2008): 175.
[7] Mattes, H. (2003): Islamisten in Marokko : Ein wachsendes Problem?: 11, German Institute of Global and Area Studies (GIGA). http://www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/content/imes/menastabilisierung/pdf/mena_tp3_aspekte_5.pdf

 

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