Bindungen zu Frankreich, Spanien und Europa

Warteschlange vor dem spanischen Konsulat, Rabat (Foto: M. Schnepf-Orth)

Vielfältige kulturelle Berührungen zwischen Marokkanern und Europäern haben einerseits zu einer Offenheit gegenüber der „westlichen Kultur“ beigetragen, andererseits führt diese Nähe immer wieder auch zu gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in der marokkanischen Bevölkerung hinsichtlich sozialer Normen und der Veränderung kultureller Praktiken. So ist eine Polarisierung zwischen islamischem Gedankengut  und Lebensformen auf der einen Seite und Verwestlichung auf der anderen zu beobachten.[1] Diskrepanzen oder Spannungsverhältnisse zwischen arabophon-islamistischen Orientierungen gegenüber arabophon-modernistischen oder frankophon-westlichen Prägungen müssen ausgehalten werden. „Das schafft eine Schizophrenie, ein Zugleich von zwei entgegengesetzten Weltanschauungen in ein und derselben Person.“[2]

Imperialistische Einflussnahmen

Die jahrhunderte währende Präsenz arabisch-islamischer bzw. berberisch-islamischer Dynastien in Spanien (el Andalus) brachte vielfältige kulturelle Berührungen mit christlicher und jüdischer Bevölkerung und diversen europäischen Herrscherhäusern mit sich. Später blieb Marokko seinerseits nicht unberührt von imperialistischen Bestrebungen und auch wirtschaftlicher Ausbeutung durch die europäischen Kolonialmächte (zunächst Portugal, später Spanien und Frankreich). 1905 folgte eine französisch-spanische Übereinkunft zur Teilung des Landes, und Frankreich errichtete 1912 formell sein Protektorat über marokkanisches Gebiet.

Seit der französischen Protektoratszeit suchte eine wohlhabende Minorität verstärkt westliche Bildungseinrichtungen auf. Beziehungen zu dem bestehenden religiös geprägten Erziehungswesen wurden vernachlässigt. Daraus entwickelte sich eine Diskrepanz zwischen einer westlich säkular gebildeten Oberschicht und der übrigen Bevölkerung, die entweder überhaupt keine Bildung oder nur religiöse Unterweisung an Koranschulen erhalten hatte.[3] Europäer, die in die großen Küstenstädte des Landes einwanderten festigten die sich ausprägenden kulturellen und sozialen Disparitäten zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung.

Migration nach Europa

Seit den 1960er Jahren hat sich Marokko zu einem der wichtigsten Herkunftsländer von Einwanderern in Europa entwickelt. Verschärfte Zuwanderungsbeschränkungen konnten diese Entwicklung kaum aufhalten und haben eher dazu beigetragen, dass Migranten die Grenzen zunehmend illegal überqueren und auch Ziele jenseits der traditionellen Zielländer, Frankreich und Benelux-Staaten, ansteuern. So konzentriert sich seit 1990 die Auswanderung von gering qualifizierten Arbeitskräften aus Marokko auf Italien und Spanien, während höher qualifizierte Arbeitskräfte zunehmend in die USA und Kanada auswandern.[4] Schätzungsweise mehr als drei Millionen Menschen marokkanischer Abstammung leben im Ausland, davon 74,5% in Europa. Das deutsche Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (BAFl) gab für das Jahr 2002 an, dass sich in Deutschland knapp 80.000 Marokkaner legal aufhielten. Marokkanische Studierende bilden die größte Gruppe afrikanischer Studenten an deutschen Hochschulen und somit ein großes Potenzial an bikuturell versierten Fachkräften. Im Jahr 2007 wurden insgesamt 6,730 Millionen USD als Rücküberweisungen an Angehörige in Marokko verzeichnet[5], und diese finanziellen Transfers der Arbeitsmigranten machen für die zurückgebliebenen Familienmitglieder einen wichtigen Bestandteil des Einkommens aus. Vielfach werden über Investitionen der Rückkehrer oder Rücküberweisungen auch Entwicklungsschübe in den Herkunftsgebieten in Gang gesetzt.

EU-Nachbarschaftspolitik

Trotz einer zum Teil „schmerzlichen“ gemeinsamen Geschichte mit Spanien und Frankreich drückt sich auch heute noch eine enge Bindung in Politiken der kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit aus, die sich u.a. in der europäischen Nachbarschaftspolitik manifestiert. “In Marokko spricht man Französisch und Spanisch, man liest die europäische Presse, schaut europäisches Fernsehen, träumt von Europa, kämpft um Schengen-Visa, kultiviert die Zugehörigkeit zum Mittelmeerraum...“[6]. Seit 1996 ist Marokko der EU durch wirtschaftliche Assoziierung verbunden. Mit großem Interesse, aber ohne Illusionen beobachten die marokkanischen Eliten die EU-Mitgliedschaftsbemühungen der Türkei. Das europäische Zögern wird dabei meist als Zurückweisung der islamischen Welt insgesamt interpretiert.[7]

Weitere Informationen:

  • Hattstein, M. (2000): Geschichte: Spanische Umaiyaden und Teilkönigreiche, Almorawiden und Almohaden. In: Hattstein, M./ Delius, P.: Islam – Kunst und Architektur. Köln, Kapitel "Spanien und Marokko": 208-217, 244-253.

  • Schwelien, M. (2005): Die Einfalltore. Ceuta und Melilla, die spanischen Exklaven in Marokko, sind riesige Umschlagplätze – für Menschen, für Waffen und Pornografie. Eine Geschichte voller Widersprüche. DIE ZEIT 13.10.2005 Nr. 42, http://pdf.zeit.de/2005/42/Ceuta.pdf

  • Riesch, A. (2007): Migration von Marokko in die EU. Migrationsursachen und Reaktionen europäischer Migrationspolitik. Baden-Baden.

 

Informationen zur EU-Nachbarschaftspolitik mit Marokko:

[1] Chimelli, R. (2007): Marokko. In: Weiss, W.M. (Hg.): Die arabischen Staaten. Geschichte, Politik, Religion, Gesellschaft, Wirtschaft. Heidelberg: 203.
[2] Jelloun, Tahar Ben (2006): Vorurteil und Stolz. Zur Unverträglichkeit von Religion und Humor. Berlin,10.3.2006. http://www.atlas-marokko.de/html/ben_jelloun.html

[3] Khallouk, M. (2008): Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas. Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität. Wiesbaden: 191.
[4] De Haas, H. (2009): Länderprofil Marokko. In: Fokus Migration Nr. 16, Feb. 2009: 1. http://www.focus-migration.de/typo3_upload/group/3/focus_Migration_Publikationen/Laenderprofile/LP_16_Marokko.pdf
[5] UNDP (2009): Human Development Report 2009 Morocco: 6.
http://hdrstats.undp.org/en/countries/country_fact_sheets/cty_fs_MAR.htm
[6] Jelloun, Tahar Ben (2005): Die Barbaren kommen. Warum es Europa nützen würde, auch die Maghreb-Staaten in seine Gemeinschaft aufzunehmen. DIE ZEIT 13.10.2005 Nr. 42. http://www.zeit.de/2005/42/T_9frkei_2fEU
[7] Blumenthal, H.R./ Errarhib, M. (2003): Marokko - Mehr Demokratie für mehr Monarchie. Friedrich-Ebert-Stiftung: 194-207. http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/01458.pdf
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