Systeme von Begünstigungen

Hassanturm, Rabat (Foto: M. Schnepf-Orth)

Ein erfolgreiches geschäftliches Engagement deutscher KMU in Marokko wird wahrscheinlich wenig von den einflussreichen Beziehungsnetzen des Königshauses tangiert werden, dennoch sind – je nach Größenordnung des projektierten Vorhabens - einige Kenntnisse über das Geflecht von Machtstrukturen, Familienbeziehungen und wirtschaftlichem Potenzial hilfreich, das den königlichen Palast umgibt und als Makhzen (wörtl. Übersetzung: Lagerhaus) bezeichnet wird.

 

Machtgeflecht des Palastes - „Makhzen

Der Makhzen stellt eine Kultur aus Ritualen, Zeremonien, Traditionen, Unter- und Überordnungen dar. Dieses Konzept von Hierarchie und Autorität prägt die politischen und wirtschaftlichen Eliten, indem ihnen Privilegien und Rang zugewiesen werden, entsprechend der Position ihrer Familien, ihrer sozialen Verbindungen und vor allem ihrer Nähe zum König. Der Makhzen übt zugleich Einfluss aus über die politische Verwaltungsstruktur der vom König ernannten Berater und regionalen Autoritäten, z.B. Walis auf der regionalen Ebene.[1] De facto übernehmen demnach nicht nur die dafür vorgesehenen gewählten Gebietskörperschaften, Stadträte etc. Zuständigkeiten der lokalen Regierungen, sondern auch die vom König ernannten Beamte oder Berater auf lokaler Ebene. Diese verfassungsgemäß gewollte politische und administrative Struktur ermöglicht dem König und den von ihm eingesetzten Beratern direkte Eingriffsmöglichkeiten in wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse.

 

Klientelismus

Der Zugang zu materiellen, politischen und gesellschaftlichen Ressourcen ist auch klientelistisch geprägt und wird über entsprechende Beziehungsgeflechte reguliert.[2] Beispielsweise garantiert dieses System den einflussreichen Fassi-Familien ökonomische Stabilität und politische Einflussnahme über ihre überproportionale Präsenz in entscheidenden Positionen des Wirtschaftssektors und des Verwaltungsapparats.[3]

Deutsche Unternehmen werden sich gegebenenfalls in diesen Beziehungsgeflechten orientieren müssen sowie in einem gesamtgesellschaftlichen Umfeld, in dem das individuelle Verhalten durch weitreichende traditionelle Verpflichtungen gegenüber der Großfamilie gekennzeichnet ist. Jeder einzelne untersteht darin dem Druck, Begünstigungen für die Familie zu sichern und klientelistische Strukturen zu fördern, die als soziales Sicherungssystem dienen. Dieses System der Solidaritätsbeziehungen bedeutet materielle Absicherung des Einzelnen, sofern Gegenleistungen erfolgen.[4]

 

Problemfeld Korruption

In Gesprächen mit in Marokko aktiven deutschen KMU wurde über die Zahlung von Bestechungsgeldern nichts bekannt. Allerdings scheint die marokkanische Bevölkerung mehrheitlich davon betroffen zu sein. In einer Studie aus dem Jahr 2006 gaben mehr als 60% der Befragten an, in den letzten 12 Monaten Schmiergelder gezahlt zu haben.[5] Transparency International führt Marokko im Jahr 2008 auf Platz 80 seines Korruptionsindexes. Tunesien wird auf Platz 62 als weniger korrupt eingeschätzt. Marokkos Nachbarland Algerien hingegen rangiert auf Platz 92.

Im Widerspruch zu legalen Strukturen, wonach das Anbieten oder die Akzeptanz von Bestechungsgeldern verboten ist, und trotz Erklärungen der Regierung und ihrer Entschlossenheit, diesem Missstand einen Riegel vorzuschieben, scheint die Korruption nach wie vor ein großes Problem zu sein. Entsprechende Reformen zur Bekämpfung von Korruption und fehlender Transparenz sind zwar im Gange, doch gehen sie angesichts der Ausmaße des Problems, nach Einschätzung des europäischen Partnerschaftsinstruments Marokko, noch nicht weit genug.[6] Dabei ist der Diskurs über Korruptionsprobleme seit dem Ende der 1990er Jahre auch in der Öffentlichkeit präsent. In den Medien wird kritisch über Korruptionsfälle im öffentlichen Sektor berichtet und die Regierung hat zunehmend Beamte und Polizisten zur Verantwortung gezogen und rechtliche Regelungen u.a. der UN-Konvention gegen Korruption angepasst.[7] Kritische Stimmen bemängeln jedoch, dass diese Bemühungen bisher eher nur auf den Bereich der geringfügigen Korruption zielten, um politische Unruhen zu vermeiden. Demzufolge tendiere die marokkanische Bevölkerung dazu, diese Reformen mehrheitlich als ineffektiv und Staatsbedienstete als korrupt zu bewerten.[8]

Indessen zeigt der Global Competitiveness Index 2009-2010 für Marokko, dass es im internationalen Vergleich relativ weniger bürokratischer Prozeduren und Zeit bedarf, um ein Geschäft zu eröffnen. Ein Ranking des Klientelismus („Favoritism“) im Zuge von Entscheidungen der offiziellen Verantwortungsträger platziert Marokko mit Rang 51 im Mittelfeld der bewerteten 133 Länder. Allerdings wird auch hier Korruption als eines der Hauptprobleme von (einheimischer) Unternehmerseite benannt.[9] Was genau unter Korruption hier zu verstehen ist, wird jedoch nicht erläutert.

 

Weitere Informationen:

 

 

[1] Blumenthal, H.R./ Errarhib, M. (2003): Marokko - Mehr Demokratie für mehr Monarchie, Friedrich-Ebert-Stiftung: 2. http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/01458.pdf

[2] GTZ (2001): Länderkurzprofil aus Gendersicht: Marokko. Eschborn: 1. http://www2.gtz.de/dokumente/bib/01-0396.pdf

[3] Kratochwil, G. (2002): Die Berberbewegung in Marokko. Zur Geschichte der Konstruktion einer ethnischen Identität (1912-1997). Islamkundliche Untersuchungen Bd. 27. Berlin: 267.

[4] GTZ (2001): 1.

[5] Transparency International (2006): Report on the Transparency International Global Corruption Barometer 2006.
http://www.transparency.org/policy_research/surveys_indices/gcb/2006

[6] ENPI- Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument Marokko, Strategiepapier 2007-2013: 11.
http://ec.europa.eu/world/enp/pdf/country/enpi_csp_morocco_de.pdf

[7] Freedom House (2006): Country Report – Morocco, Anticorruption and Transparency.
http://www.freedomhouse.org/template.cfm?page=140&edition=7&ccrcountry=135§ion=73&ccrpage=31

[8] „Business Anti-Corruption Portal“ des Global Advice Networks, Kopenhagen: Morocco Country Profile - General Information.
http://www.business-anti-corruption.com/country-profiles/middle-east-north-africa/morocco/general-information/

[9] World Economic Forum (2009): Global Competitiveness Report 2009-2010: 228-229.
http://www.weforum.org/pdf/GCR09/GCR20092010fullreport.pdf

 

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