Problemfelder der Sozialpolitik

Avenue Mohammed V., Rabat (Foto: M. Schnepf-Orth)

Trotz großer Anstrengungen, die im Bereich der Entwicklung und der Sozialmaßnahmen unternommen wurden, weist Marokko immer noch erhebliche soziale Defizite auf, und zwar in Bezug auf Bildungszugang, Analphabetentum, Zugang zum Gesundheitssystem, Armut, Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, informelle Beschäftigung und Qualität der Sozialleistungen.[1] Sie werden u.a. auf schlechte Regierungsführung in der Vergangenheit und Vernachlässigung des Bildungssektors zurückgeführt.

 

„Menschliche Entwicklung“ und Armut

Der Human Development Index (HDI), ein international verwendeter Indikator zur Messung der Lebensbedingungen, weist Marokko den Rang 130 zu, unter insgesamt 182 der von UNDP bewerteten Ländern. Der HDI-Wert Marokkos ist von 1980 bis 2007 um jährlich 1,20% gestiegen – ähnlich wie in vielen anderen Ländern auch -, liegt jedoch unter dem jeweiligen Durchschnitt der lateinamerikanischen Staaten, der Region Ostasien/ Pazifik, der arabischen Staaten und der Staaten Südasiens.[2] Entsprechend der von den Vereinten Nationen erfolgten Bewertung des Entwicklungsstandes, zählt Marokko zu der Kategorie der Entwicklungsländer („Developing Countries“).[3]

Der Human-Development-Indikator setzt sich aus folgenden Werten zusammen:

Die Lebenserwartung in Marokko liegt bei 71 Jahren (Rang 98), der alphabetisierte Anteil der Bevölkerung über 15 Jahre beträgt 55,6% (Rang 132), 61% der schulpflichtigen Kinder besuchen die Schule (Rang 135) und das Bruttoinlandsprodukt/ Person beträgt 4.108 USD im Jahr (Rang 118). Die Diskrepanz zwischen Rang 130 auf der HDI-Skala und Marokkos höherem Rang 118 beim Pro-Kopf-Inlandsprodukt deutet darauf hin, dass sich die Erfolge des wirtschaftlichen Wachstums noch nicht in einem entsprechenden sozialen Wohlstand äußern. So errechnet der von UNDP weltweit ermittelte Armutsindikator („Human Poverty Index“, HPI) für Marokko eine Armutsrate von 31,1% der Bevölkerung, die u.a. das Gesundheitswesen, den hohen Anteil an Analphabeten und den Zugang zu Trinkwasser berücksichtigt.[4]

Die marokkanischen Behörden führen die „Nationale Initiative für menschliche Entwicklung“ INDH (Initiative Nationale pour le Développement Humain), die 2005 von Mohammed VI. ins Leben gerufen wurde, als Maßnahme zum Armutsabbau durch. Sie soll über 5 Jahre hinweg gezielt Armut und soziale Ausgrenzung in den ärmsten ländlichen Gebieten und städtischen Armenvierteln bekämpfen und stellt hierfür Mittel in Höhe von einer Milliarde Euro bereit[5], die in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Sozialwohnungen und soziale Infrastruktur eingesetzt werden. Auch Deutschland unterstützt das Programm, das gemeinsam mit der EU, der Weltbank, Frankreich und dem Millennium Challenge Account gefördert wird.

 

Bildung als nationale Priorität

Das Jahrzehnt 2000-2010 wurde in Marokko offiziell zum „Jahrzehnt der Bildung“ ausgerufen, um durch diverse Maßnahmen die Konsolidierung des Bildungssystems in quantitativer wie qualitativer und institutioneller Hinsicht zu beschleunigen.[6] Dabei werden Erfolge der Bildungsreformen als abhängig von einem austarierten Verhältnis staatlicher und religiöser Bildungseinrichtungen angenommen.[7]

Obwohl sämtliche Regierungen Marokkos beträchtliche Mittel für Bildung bereitgestellt haben, liegt die Analphabetenrate der über 15-Jährigen bei 44,4%[8] - betroffen sind also etwa 10 Millionen Personen - und erreicht bis zu 60,5% in ländlichen Gebieten (46% bei den Männern und 74,5% bei den Frauen)[9]. Im Bereich der formalen Bildung bestehen große Defizite noch bei den allgemein bildenden und berufsbildenden Einrichtungen des Sekundarbereichs sowie in der Grundbildung auf dem Land.

Wie die Schulen leiden auch die Universitäten seit Jahren unter Überfüllung und schwacher Mittelausstattung. Gleichzeitig ist der marokkanische Arbeitsmarkt nicht in der Lage, Schul- und Studienabgänger in ausreichendem Maße aufzunehmen. Landesweit decken 14 Universitäten mit 105 Instituten in 17 Städten 14 verschiedene Studiengänge ab. Die seit 2003 erfolgte Reform des marokkanischen Hochschulsystems zielt auf ein Gleichziehen mit dem europäischen Hochschul- und Studiensystem ab (insbesondere in Bezug auf den Bolognaprozess), um die nationale und internationale Mobilität der Studierenden zu erleichtern.[10]

 

Arbeitslosigkeit junger Erwachsener

Die Bevölkerungsstruktur Marokkos ist von einem sehr hohen Anteil junger Menschen gekennzeichnet, mehr als 30% der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt. Entsprechend drängen seit den 1980er Jahren geburtenstarke Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts werden jedes Jahr 400.000 junge Männer und Frauen einen Arbeitsplatz suchen.[11]

Zwar sind generell die Zahlen über Arbeitslosigkeit aus methodischen Gründen nicht sehr zuverlässig[12], dennoch werden einige Trends deutlich. So liegt in den Städten die Arbeitslosigkeit junger Menschen mit oder ohne Abschluss 2005 mit einem Anteil  von 32,7 % sehr hoch - gegenüber einer allgemeinen städtischen Arbeitslosenrate von 18,4%.[13] Landesweit wird die Arbeitslosigkeit junger Menschen auf 50-60% geschätzt, zumal auf den Dörfern eine schwer messbare, zum Teil saisonal bedingte Unterbeschäftigung besteht.[14] Es zeichnet sich zudem eine hohe Arbeitslosenquote unter Akademikern ab, die im Jahr 2006 mit 19,4% angegeben wurde.[15] Demgegenüber sank die allgemeine Arbeitslosigkeit der Erwerbstätigen von 10% (2006) auf 8%[16] (Ende 2008), aufgrund der positiven Entwicklungen im beschäftigungsintensiven Primärsektor (Land- und Forstwirtschaft, Fischfang), im Baugewerbe und im Dienstleistungssektor[17]. Inoffizielle Schätzungen gehen hingegen von den doppelten Werten der Arbeitslosenrate aus.[18]

Politische Bemühungen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zielten in den letzten Jahren auf die Verbesserung des Bildungssystems, die Alphabetisierung sowie die Elektrifizierung und Trinkwasserversorgung ländlicher Gebiete. Spezifischere Programme förderten die Berufsausbildung, Existenzgründungen („Jeunes Entrepreneurs“), Mikrokredite und befristete Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Durch diese Bemühungen entstanden u.a. tausende von Organisationen, die mit Jugendlichen arbeiten.[19]

Weitere Informationen:

 

 

[1] ENPI- Europäisches Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument: Marokko. Strategiepapier 2007-2013: 25.
http://ec.europa.eu/world/enp/pdf/country/enpi_csp_morocco_de.pdf

[2] UNDP (2009): Human Development Report 2009: Morocco. http://hdrstats.undp.org/en/countries/profiles/MAR.html

[3] BMZ, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit: Informationen zum Land Marokko. http://www.bmz.de/de/laender/partnerlaender/marokko/profil.html

[4] UNDP (2009): Human Development Report 2009: Morocco: 4. http://hdrstats.undp.org/en/countries/country_fact_sheets/cty_fs_MAR.html

[5] Ghorfa (2009): Länderprofil Marokko. http://www.ghorfa.de/fileadmin/inhalte/laenderprofile/2011/Marokko_LP.pdf

[6] ENPI 2007-2013: 18.

[7] Khallouk, M. (2008): Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas. Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität. Wiesbaden: 193-194.

[8] UNDP (2009): 2.

[9] ENPI 2007-2013: 17.

[10] Ebenda: 18.

[11] Cohen, S./ Jaidi, L. (2006): Morocco. Globalization and its Consequences. New York, London: 69.

[12] AHK Marokko,  marokko.ahk.de

[13] ENPI 2007-2013: 17.

[14] Breuer, I. (2007): Existenzsicherung und Mobilität im ariden Marokko. Wiesbaden: 52.

[15] AHK Marokko, marokko.ahk.de

[16] Ebenda.

[17] Bfai Wissen Weltweit: Wirtschaftstrends Marokko Jahreswechsel 2008/09. http://www.gtai.de/ext/anlagen/PubAnlage_5619.pdf?show=true

[18] Breuer, I. (2007): 51.

[19] Cohen, S./ Jaidi, L. (2006): 69-72.

 

zurück__________________________________________________weiter