Stadt-Land Gegensatz und soziale Polarisierung

Ourika Tal, Hoher Atlas (Foto: M. Schnepf-Orth)

 

„The society’s main class distinction is between urban and rural people“.[1]

 

Aus deutscher Sicht gewinnt man in der Hauptstadt Rabat oder der Wirtschaftsmetropole Casablanca den Eindruck von modernen, sehr stark europäisch geprägten, wirtschaftlich aufstrebenden Großstädten. Dieser Eindruck unterscheidet sich von anderen Metropolen vieler Entwicklungsländer, weil die großen marokkanischen Küstenstädte auch über ihr eigentliches Geschäftszentrum hinaus „europäisch“ anmuten. Dazu im krassen Widerspruch stehen die Lebensbedingungen in den großstädtischen Slums sowie in den dünnbesiedelten und verkehrstechnisch wenig erschlossenen ländlichen Räumen.

 

 

Bevölkerungsentwicklung und Landflucht

Zwischen 1936 und 2004 hat sich die Bevölkerung Marokkos mehr als vervierfacht, mit einer intensivsten Wachstumsrate zwischen 1960 und 1985, als sich die Einwohnerzahl innerhalb einer Generation praktisch verdoppelte. Gleichzeitig hat eine massive Landflucht stattgefunden, so dass bis 2009 die Stadtbevölkerung auf 56,7% der Bevölkerung angestiegen ist.[2]

 

Großräumig betrachtet sind die Wanderungsströme auf fünf räumliche Schwerpunkte

  • auf den Großraum Casablanca-Rabat-Sale-Kenitra, die derzeit größte städtische Agglomeration mit einer Konzentration des Industrie-, Verwaltungs- und Dienstleistungssektors,
  • auf Gebiete mit starkem Wachstum des Tourismussektors (z.B. Städte Agadir und Quarzazate),
  • auf Gebiete mit moderner, exportorientierter Landwirtschaft (z.B. das Souss-Tal),
  • auf den Norden des Landes (Rif-Gebirge, Region Tanger, Provinz Nador), der im Kontext von Auslandsmigration, Cannabisproduktion sowie (informellem) trans-mediterranen Handel einen Aufschwung erlebt hat,
  • auf Gebiete, in denen im Rahmen staatlicher Regionalpolitik teils erhebliche öffentliche Investitionen getätigt werden (z.B. Region Oriental, gesamte Westsahara sowie bestimmte peripher gelegene Kleinstädte).[3]

 

In Anbetracht eines weltweit mit zunehmendem Entwicklungsstand einhergehenden Anstiegs von Verstädterungsraten, kann davon ausgegangen werden, dass der Urbanisierungsdruck auf Metropolen und regionale Zentren in Marokko noch lange nicht abgeschlossen ist.

In krassem Gegensatz zu den vergleichsweise „modernen“ Bedingungen in den Großstädten stehen die Lebensverhältnisse auf dem Lande. Verfügten im Jahr 2006 schon 94,3% der städtischen Haushalte über einen Trinkwasseranschluss, waren es nur 36,2% der ländlichen Haushalte und erst 64,8% waren elektrifiziert.[4] Obwohl über 2/3 der Stadtbewohner einen ländlichen Hintergrund haben[5], werden Bewohner ländlicher Herkunftsgebiete stigmatisiert, so z.B. insbesondere eine Vielzahl von weiblichen, meist sehr jungen Haushaltshilfen vom Land, die in städtischen Haushalten arbeiten.[6]

 

Soziale Gegensätze

Trotz eines Rückgangs der Armut stellt der „Arab Human Development Report 2009“ für Marokko eine Zunahme sozialer Ungleichheit während des letzten Jahrzehnts fest. Die in vielen arabischen Staaten stattfindende Konzentration von Vermögen und Landbesitz trägt dabei zur sozialen Ausgrenzung weiter Bevölkerungskreise bei, deren Situation noch durch Arbeitslosigkeit und sozialräumliche Konzentration in Slums verstärkt wird.[7]

Die landesweite Kennzahl für die Ungleichverteilung von Einkommen oder Vermögen (Gini-Index) weist Marokko den Wert 40,9[8] zu und damit eine soziale Ungleichheit, die ähnlich ausgeprägt ist wie in den USA, Georgien, Tunesien und Kambodscha. Demnach herrscht eine größere Ungleichheit als beispielsweise in Indien, Algerien oder Ägypten. Extremere Ungleichheitswerte finden sich in den Ländern des südlichen Afrikas sowie Lateinamerikas.[9]

Soziale Gegensätze prallen am offensichtlichsten in den Großstädten der Küstenebene aufeinander, innerhalb des Städtedreiecks Casablanca-Fes-Tanger. Hier findet sich die höchste Konzentration der insgesamt 885 marokkanischen Slumgebiete. Der großteils illegale Rechtsstatus der Siedlungen verhindert deren angemessene Ausstattung mit technischer und sozialer Infrastruktur. Der Zugang der Bewohner zu formalen Beschäftigungsverhältnissen und staatlichen Unterstützungsleistungen wird durch fehlende Meldepapiere verhindert oder erschwert.[10]

Am untersten Ende der sozialen Hierarchie und gesellschaftlich völlig an den Rand gedrängt stehen die subsaharischen Arbeitsmigranten. Marokko ist zwar kein intendiertes Zielland für illegale Migration, entwickelt sich aber de facto dazu, weil sich Europa und andere Zielregionen gegenüber irregulärer Zuwanderung zunehmend abschotten.[11]

 

 

[1] Geotravel Research Center (2008): Culture Briefing: Morocco: 35. http://culturebriefings.com/Pages/pubstore/pscbmr.html

[2] Breuer, I. (2007) : Existenzsicherung und Mobilität im ariden Marokko. Wiesbaden: 44; UNDP 2009: Human Development Report 2009. Statistical annex. Human movement: snapshots and trends: 193. http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Indicators.pdf

[3] Breuer, I. (2007): 46

[4] Kingdom of Morocco (2008): Millennium Development Goals. National Report 2007: 19-20. http://www.hcp.ma/pubData%5CDeveloppementHumainEtObjectifsDuMillenaire%5CDev%5COMDAnglais.pdf

[5] Breuer, I. (2007): 45.

[6] Ennaji, M./ Sadiqi, F. (2008): Migration and Gender in Morocco: The Impact of Migration on the Women Left Behind. London: 71. 

[7] UNDP/ AHDR (2009): Arab Human Development Report: 116. http://www.arab-hdr.org/publications/other/ahdr/ahdr2009e.pdf

[8] Der Gini Index liegt zwischen 0 und 100. Dabei repräsentiert 0 absolute Gleichheit – das Vermögen ist auf alle Bewohner gleichmäßig verteilt - und 100 absolute Ungleichheit. Marokko: 40,9, Namibia: 74,3, Deutschland: 28,3 (UNDP 2009: 198).

[9] UNDP (2009): Human Development Report 2009. Statistical annex. Human movement: snapshots and trends: 195-198. http://hdr.undp.org/en/media/HDR_2009_EN_Indicators.pdf  

[10] World Bank (2006): Kingdom of Morocco - Poverty and Social Impact Analysis of the National Slum Upgrading Program. Final Report, Report No. 36545-MOR: 29, 61. Weltbank Report

[11] De Haas, H. (2009) : Länderprofil Marokko. In: Fokus Migration Nr. 16, Feb. 2009.

 

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