Checkliste zur Auswahl interkultureller Kompetenztrainings für Ägypten

 

In der folgenden Übersicht werden Kriterien bereitgestellt, die KMU-Angehörigen die Auswahl von interkulturellen Trainingsanbietern oder Beratern für das Zielland Ägypten erleichtern:

  • Anbietertypen/ Trainingsinhalte
  • Ziellandorientierung
  • Branchen-/ Zielgruppenorientierung
  • Trainingsmethoden
  • Trainerprofil
  • Trainingsort
  • Trainingsdauer
  • Referenzen
  • Trainingskosten
  • Kulturkonzepte

 

Anbietertypen/ Trainingsinhalte

Anhand des angebotenen Leistungsspektrums oder auch der Trainerqualifikationen können die meisten Trainingsanbieter in Anbietertypen kategorisiert werden. Abhängig vom Trainingsbedarf der KMU-Angehörigen ist deshalb zu prüfen, welcher Anbietertyp mit welcher Schwerpunktsetzung am besten passt:

 

  • ein auf interkulturelle Kommunikation und Sensibilisierung ausgerichtetes Training, das ein hohes Maß an Selbstreflexion beinhaltet,

 

  • eine interkulturelle Unternehmens- oder projektbezogene Beratung, die Kenntnisse über Geschäftsanbahnungen und Geschäftskommunikation in Ägypten in den Vordergrund stellt,

 

  • Anbieter, die gleichermaßen mehrere Schwerpunkte bedienen können,

 

  • Seminaranbieter, die sich auf die Veranstaltung von ‚offenen’ Seminare mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen konzentrieren und keine inhouse Trainings anbieten.

 

Die meisten Trainingsanbieter positionieren sich zwischen der Vermittlung interkultureller Kompetenzen und der interkulturellen Unternehmensberatung. Positiv fallen solche Anbieter auf, die auf ihrer Homepage die Einsichtnahme in mögliche Trainingsinhalte und -abläufe ermöglichen. Die Inhalte eines maßgeschneiderten Trainings werden jedoch individuell vereinbart, je nach dem Bedarf des Unternehmens.

Sollen beispielsweise langfristig zu entsendende Mitarbeiter für die interkulturelle Kommunikation mit unterschiedlichen Zielgruppen in Ägypten sensibilisiert und darauf vorbereitet werden, ihren Lebensmittelpunkt in eine ägyptische Großstadt zu verlegen, so ist die Wahl eines Anbietertyps zu favorisieren, dessen Leistungsspektrum Schwerpunkte der interkulturellen Kommunikation, interkulturellen Sensibilisierung und Selbstreflexion enthält. Ebenso sollten konkrete Hinweise zur Verfügung gestellt werden, wie sich der Umzug und das Einleben in der Stadt organisieren lassen, unter Umständen in Begleitung von Familienangehörigen.

Geschäftsreisende, die zum ersten Mal Ägypten besuchen, benötigen hingegen eher praktische Hinweise, z.B. wie Kontakte und Beziehungen geknüpft und die Partnersuche organisiert werden kann oder Hinweise auf beziehungsorientierte Kommunikations- und Verhandlungsstile. Ein Trainingsanbieter führt hierzu das Seminar „Emotionales Verkaufen für Techniker und Ingenieure“ durch. Sofern die Projektentwicklung oder Gründung einer Niederlassung begleitet werden soll, stehen weitere interkulturelle Beratungsleistungen im Vordergrund, wie das Teambuilding multikultureller Arbeitsgruppen, interkulturelles Marketing und die Gestaltung von Präsentationen, der Umgang mit Behörden und besondere Anforderungen an Führungskompetenzen. Für Unternehmensangehörige, die schriftlich, telefonisch, virtuell oder persönlich mit ägyptischen Kontaktpersonen kommunizieren oder eine Betreuung von Besuchern aus Ägypten übernehmen, stehen Kommunikationsstile, Zeitmanagement und andere Hinweise im Vordergrund. Die Zusammenarbeit mit Vertretern unterschiedlicher Herkunftsländer über die Entfernung hinweg kann durch interkulturelle Beratungsleistungen zum „Remote-Management“ optimiert werden (s.a. Spektrum interkultureller Trainings- oder Beratungsleistungen).

 

Ziellandorientierung

Die Auswahl eines spezifisch auf Ägypten zugeschnittenen interkulturellen Trainings ist sowohl für langfristig zu Entsendende als auch für kurzfristig Ausreisende zu empfehlen. Ägypten, das bevölkerungsreichste arabisch-islamische Land und der größte arabische Binnenmarkt, prägt den Kulturraum der MENA-Region, etwa durch Arbeitsmigration in die Golfstaaten, durch Fernsehproduktionen für arabischsprachige Zuschauer oder durch die „Arabisierung“ westlicher Software. Andererseits unterscheidet sich Ägypten in verschiedener Hinsicht von anderen arabischen Ländern. Aus deutscher Perspektive scheint Ägypten gegenüber den frankophon geprägten nordafrikanischen Ländern zunächst „arabischer“ und (wieder) stärker im Islam verwurzelt. Im Vergleich zu den Golfstaaten wirken hingegen viele städtische Gebiete Ägyptens und das kulturelle Klima insgesamt „westlicher“ orientiert. Deshalb gilt Ägypten u.a. auch als Vermittler zwischen „Ost“ und „West“. Je nach Sektor, Geschäftsebene, Unternehmensgröße und Region trifft man in Geschäfts- und Behördenkontakten auf Mitarbeiter mit unterschiedlich intensiven Auslandserfahrungen. Ein großer Anteil der Führungskräfte hat einen Hochschulabschluss in den USA, Europa oder an einer der ausländischen Hochschulen in Kairo erworben und kann mit verschiedenen Kommunikationsstilen umgehen.

 

Branchen-/ Zielgruppenorientierung

Die Homepages der meisten Trainingsanbieter umgehen eine Festlegung auf bestimmte Branchen, Sektoren oder Zielgruppen, um das Spektrum der potenziellen Klienten nicht von vornherein einzuschränken. Jedoch bieten fast alle in der Anbieterliste aufgeführten Trainingsanbieter auf den Trainingsbedarf des Unternehmens zugeschnittene Kompetenz-trainings oder projektbezogene Beratungen an, die zusammen mit dem Unternehmen ent-wickelt und spezifiziert werden (Trainingsplan). Vor dem Hintergrund des Trainingsbedarfs, sollten die KMU dennoch vorab prüfen, inwieweit der Anbieter einen Branchen- oder Projektbezug in die Themen und Fallbeispiele des Trainings integrieren kann. Ebenso sollte bei einem maßgeschneiderten Training darauf geachtet werden, dass die spezifischen Voraussetzungen, Interessenlagen und Einsatzfelder der Trainingsteilnehmer berücksichtigt werden.

Offene Seminarangebote können in der Regel nicht in ausreichendem Maße auf den spezifischen Trainingsbedarf der Teilnehmer oder einer Branche eingehen.

 

Trainingsmethoden

Die Frage des Methodeneinsatzes ist abhängig von dem Erfahrungsstand der Teilnehmer und dem Trainingsziel. Die Methodenfrage ist insbesondere dann wichtig, wenn als Trainingsschwerpunkte die interkulturelle Sensibilisierung und Verhaltenskompetenzen (Verhaltensänderungen) beabsichtigt sind. Dann stehen neben den informatorischen vor allem die interaktiven Trainingsmethoden im Vordergrund, z.B. Interaktionenanalyse, interkulturelle Planspiele, interkulturelle Fallstudien, Trainingsvideos. Ein Training sollte ausreichend Zeit für den Erfahrungsaustausch der Teilnehmer untereinander bieten. „Die Teilnehmer liefern wichtige Inputs“, „dann wird das Training nachhaltiger“.

 

Trainerprofil

Informationen über den Erfahrungshintergrund und die Qualifikationen des jeweiligen Trainers/Beraters dienen als Anhaltspunkte, inwieweit ein Anbieter zu den Anforderungen des Unternehmens passt. Erforderlich sind Qualifikationen, wie eine langjährige Arbeits- und Lebenserfahrung im Zielland und Deutschland, um sich in Situationen und Interaktionen hineinversetzen zu können, die vermutlich auch den Trainingsteilnehmern in Ägypten begegnen werden. Trainererfahrung, die Beherrschung von Moderationstechniken und profundes landeskundliches Wissen, auch über den Islam, sind ebenso wichtig. Je nach Trainingsziel spielen außerdem psychologische oder betriebswirtschaftliche Kenntnisse bzw. eigene Erfahrungen mit Geschäftshandeln in Ägypten eine Rolle. Will man eine unabhängige Bewertung des Anbieters in Erfahrung bringen, sollte man (branchenverwandte) Unternehmen kontaktieren, die von den Anbietern als Referenzen genannt werden.
Nur wenige Trainingsanbieter setzen ägyptische Trainer ein. Trainer mit einer ägyptischen Herkunft sollten über einen bikulturellen Hintergrund verfügen, um die ägyptische Geschäftskultur auch aus der Fremdperspektive wahrnehmen zu können. Auf Wunsch werden Trainer-Tandems eingesetzt, um kulturelle Unterschiede aus unterschiedlicher Perspektive besser vermitteln zu können.

 

Trainingsort

Abhängig von der Anzahl der Trainingsteilnehmer eines Unternehmens kann es kostengünstiger sein, maßgeschneiderte Trainings in den eigenen Räumen durchzuführen („inhouse“). Die Nähe zum Arbeitsalltag birgt jedoch die Gefahr der Ablenkung von den Trainingsinhalten. Einige Anbieter führen Beratungsleistungen auch im Zielland durch. Das hat den Vorteil, dass konkrete Erfahrungen in Ägypten entweder begleitend oder rückblickend analysiert werden können und nicht simuliert, gespielt oder virtuell herbeigeführt werden müssen. Viele Unsicherheiten stellen sich erst während des Aufenthaltes in Ägypten ein. Dann ist es ideal, wenn Klienten zwischenzeitlich Feedbacks von interkulturellen Trainern oder Beratern erhalten können. Diese Leistungen eines interkulturellen Coachings werden von vielen Anbietern auch als „online-coaching“ erbracht.

 

Trainingsdauer

Die Trainingsdauer ist abhängig von der Zahl der Teilnehmer, ihren Vorkenntnissen und dem Trainingsziel. So kann ein Einzeltraining zwecks Mitarbeiterentsendung kürzer ausfallen als ein Training für eine ganze Gruppe. Für ein Ägypten-Einstiegs-Modul, beispielsweise mit der Schwerpunktsetzung auf interkulturelle Sensibilisierung, wird die Dauer von einem bis zwei Tagen empfohlen. Im Einzelfall sollten bedarfsgerechte Trainingszeiten vereinbart werden, um einerseits Lernerfolge zu erzielen und andererseits die Teilnehmer nicht zu überfordern. Je nach Bedarf können Vertiefungsmodule folgen. Sofern ein ausreichendes Zeitfenster zur Verfügung steht, sollte ein Training in Intervallen einem Training mit langen Trainingszeiten vorgezogen werden. Projekt- oder themenbezogene Beratungen sind weniger zeitintensiv als eine interkulturelle Sensibilisierung. Für Sprachtrainings ist hingegen mit wesentlich längeren Lernzeiten zu rechnen.

 

Referenzen

Fast alle Anbieter listen Unternehmen oder Institutionen als Referenzen auf ihrer Homepage auf. Doch daran lässt sich nur in Einzelfällen eine Zielgruppenorientierung oder Branchenspezialisierung ablesen, weil gerne große oder bekannte Klienten genannt werden. Die Kontaktaufnahme mit den angegebenen Referenz-Unternehmen bietet jedoch eine Möglichkeit, sich über Erfahrungen anderer Unternehmen mit dem jeweiligen Trainings-angebot zu informieren. Hilfreich wären Erfahrungen mit einem konkreten Trainer. Sofern das Profil des potenziellen Trainers nicht schon auf der Website des Anbieters einzusehen ist, kann das Trainerprofil angefordert werden.

 

Trainingskosten

Je nach Anzahl der Teilnehmer und ihrer Vorerfahrungen, Trainingsort und Trainingsdauer können maßgeschneiderte Trainings- oder Beratungsangebote kostengünstiger ausfallen als der Besuch offener Seminare. Die Anbieter bringen bei maßgeschneiderten Trainings ihre Netto-Tagessätze in Ansatz; abhängig von der Trainingserfahrung liegen diese bei etwa 850,- bis 1000,- EUR für Anfänger und bei 1500,- bis 2000,- EUR für erfahrene Trainer. Hinzu kommen Spesen und Steuern. Die Kosten für offene Seminare bewegen sich zwischen 200,- (IHK-Tagesseminare) und 800,- EUR pro Teilnehmer und Tag.

 

Kulturkonzepte

Ein Trainer sollte darlegen können, welches Verständnis von Kultur dem Training zugrunde gelegt wird und Auskunft über Vor- und Nachteile bzw. Unzulänglichkeiten des verwendeten Kulturkonzeptes geben. Da Kultur ein hochkomplexes soziales Konstrukt darstellt, wird im Trainingsalltag dazu tendiert, vereinfachende, geschlossene oder „essentialistische“ Kulturkonzepte zu verwenden. Ein qualifizierter Trainer verweist deshalb auf die Begrenztheit dieser Erklärungsansätze für individuelles Handeln und auf die Diversität der ägyptischen Gesellschaft und individueller Identitäten.

Ein essentialistisches Kulturverständnis definiert Kultur als einen fixierten und geschlossenen Rahmen von Verwandtschaft, Religion, Geistesgeschichte oder Territorium (Nation), der ein Individuum maßgeblich prägt. Zentrale Maßstäbe und Orientierungsmerkmale dieser (monokulturellen) „Nationalkulturen“ oder „Leitkulturen“ werden dabei mitunter als „Kulturstandards“ bezeichnet. Einem solchen engen Kulturverständnis stehen Positionen gegenüber, die Kulturen als offene, dynamische und heterogene Systeme begreifen. Kultur wird demnach in von Machtverhältnissen bestimmten menschlichen Aushandlungsprozessen hergestellt. Kulturen präsentieren sich dabei durch beliebige, mehr oder minder große Gruppen oder Milieus, die miteinander in Verbindung stehen. Durch den offenen Netzwerkcharakter der jeweiligen Gruppen wird vor allem die Dynamik und Wandelbarkeit von Kulturen betont. Eine Community im Internet stellt in diesem Sinne ebenso eine Kultur dar, wie es bei einem Nationalstaat der Fall ist.

 

Weitere Informationen:

Stichworte im Glossar Kultur und Entwicklung:
Kulturbegriff, eng
Kulturbegriff, weit
Kulturstandards
Kulturdimensionenmodell

 

 

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