Relevanz interkultureller Trainings für ein geschäftliches Engagement in Ägypten

 

Begegnungen mit Ägyptern scheinen aus deutscher Perspektive zunächst wenig kompliziert. Ägypter werden im Allgemeinen als kommunikativ, warmherzig und freundlich charakterisiert. „Wenn man selbst gut drauf ist und Geduld hat, entwickeln sich die Beziehungen gut“. Den Ägyptern wird von deutscher Seite auch nachgesagt, dass sie Verständnis für das Verhalten ausländischer Geschäftspartner, z.B. für deren Bedarf an formelleren Geschäftsabläufen mitbrächten, weil sie häufig selbst über Auslandserfahrungen verfügten. Von ägyptischer Seite wird hingegen betont, dass Landes- und Sprachkenntnisse sowie ein über formelle Treffen hinausgehendes Interesse „Türen öffnen“ könne. Interkulturelle Berater empfehlen in diesem Zusammenhang eine größere Bereitschaft zu einem persönlichen Austausch, zu informellen Kontakten und Smalltalk, um die Vertrauensbildung zu erleichtern.

 

Interkulturelle Kompetenzen werden als selbstverständlich vorausgesetzt

Interkulturelles Einfühlungsvermögen wird für Ägypten einhellig als wichtig erachtet. Spricht man jedoch deutsche Experten und KMU-Angehörige mit Ägyptenerfahrungen auf die Notwendigkeit interkultureller Trainings- und Beratungsleistungen zum Erwerb interkultureller Kompetenzen für Ägypten an, so favorisiert die Mehrheit eher ihre während anderer Auslandsaufenthalte gewonnenen „Erfahrungen“ oder das learning by doing. Viele sind bereits durch die berufliche Tätigkeit in anderen Entwicklungsländern so konditioniert, dass sie das Leben und Arbeiten in Ägypten individuell nicht mehr als fremd oder „kulturell“ herausfordernd wahrnehmen. Die eigene interkulturelle Sensibilität wird als Selbstverständlichkeit aufgefasst und auch bei anderen vorausgesetzt. Man thematisiert Kultur-kompetenz mitunter mittels Anekdoten über „unerfahrene“ oder „blauäugige“ Geschäftsreisende. Bemerkt man ein eigenes Defizit über interkulturelles Wissen, werden Erkundi-gungen bei Ägyptern eingeholt, und ägyptische Mitarbeiter übernehmen häufig den direkten Kontakt mit Zielgruppen der ägyptischen Bevölkerung. Interesse an professionellem interkulturellen Training oder Coaching ist für den Zugang zu interkulturellem Einfühlungsvermögen eher nachrangig. Es rückt erst dann in den Vordergrund, wenn bereits erste Erfahrungen im Land gesammelt wurden oder sich fortgesetztes Engagement in Ägypten abzeichnet (siehe dazu auch: Vorteile interkultureller Trainings - warum Do’s und Don’ts nicht ausreichen).

 

Interkulturelles Einfühlungsvermögen basiert auf Kenntnissen über die Heterogenität der ägyptischen Gesellschaft

Bei der Betrachtung der kulturellen, gesellschaftlichen, ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Länder des arabischen Kulturraums fällt auf, wie sehr sie sich voneinander unterscheiden. Gleichfalls ist die ägyptische Gesellschaft sozial uneinheitlich und zeichnet sich durch viele Gegensätze und Veränderungsprozesse aus.

Zur Vorbereitung auf interkulturelle Begegnungen sind deshalb ziellandspezifische Kenntnisse zu berücksichtigen. So sind Informationen über regionale Ausprägungen der ägyptischen Geschäftskultur und über die „kulturelle“ Ausrichtung der potenziellen Partner oder Klienten sowie der unterschiedlichen sozialen Milieus, Alters- und Lebensstilgruppen  wichtig. Beispielsweise gelten Oberägypter im Allgemeinen bei ihren Landsleuten als konservativer, aber auch als vertrauenswürdiger.

Deutsche Unternehmensangehörige können auf Anhänger unterschiedlicher islamischer Strömungen stoßen und müssen sich mitunter zwischen liberalen und konservativen Kräften und deren Werthaltungen zurechtfinden. So ist der Geschäftsalltag in kleinen ägyptischen Unternehmen oder im ländlichen Umfeld möglicherweise stärker von Religion und Traditionen beeinflusst als in größeren Unternehmen und in den Städten.

 

Hussein Moschee, Kairo (© M. Schnepf-Orth 09/2010)

 

Interkulturelles Einfühlungsvermögen basiert auf der Erkenntnis eigener Deutungsmuster

Interkulturelles Einfühlungsvermögen erreicht man nicht nur über die Kenntnisse des Landes und der ägyptischen Geschäftskultur, sondern es setzt auch das Erkennen und Hinterfragen der eigenen Maßstäbe und Verhaltensmuster voraus. Die eigene Deutung spielt bei interkulturellen Begegnungen eine entscheidende Rolle. So wirken nicht alle ägyptischen Besonderheiten auf alle Deutsche gleichermaßen merkwürdig oder ungewohnt.
Um sich die eigenen Verhaltensmuster und Bewertungsmaßstäbe bewusst zu machen, werden in interkulturellen Trainings und Ratgebern kulturbedingte Unterschiede häufig kontrastierend gegenübergestellt, sozusagen als bewusster Umgang mit Stereotypen oder „kulturellen Orientierungen“. Demnach neigen Deutsche z.B. dazu, die erforderliche Vertrauensbasis im Geschäftsleben über Vereinbarungen und Verträge („Regelorientierung“), formelle Treffen oder auch eine stringente Aufgaben- und Zeitplanung zu entwickeln. Persönliche oder freundschaftliche Beziehungen sind dabei aus deutscher Perspektive keine Vorbedingung für eine gute geschäftliche Kooperation, sondern entstehen häufig erst im Zuge der Zusammenarbeit, wenn die ausländischen Partner als zuverlässig, kompetent und gefühlskontrolliert erlebt werden. Dieser „sachorientierten“ deutschen Geschäftskultur wird eine beziehungsorientierte und regelrelativierende Geschäftskultur gegenübergestellt, eine kulturelle Orientierung, die im arabischen und asiatischen Kulturraum stärker verbreitet ist. Ein Vertrauensverhältnis entsteht hier eher über die Beziehungsebene („Seelenverwandtschaft“) als über die Sachebene. [1]

Differenzen in den verschiedenen Kulturstandards bestehen in unterschiedlichen Kommunikations- und Verhandlungsstilen, deren Kenntnis falsche Deutungen oder unbeabsichtigte kritische Äußerungen vermeiden hilft.

Ägypter sind im Allgemeinen sehr stolz auf die Geschichte und Kultur ihres Landes und reagieren mitunter empfindlich auf kritische Äußerungen von ausländischer Seite, auch wenn sie versuchen, ihre Verletztheit zu verbergen (s. auch „Die deutsche Direktheit wird geschätzt“ – höflich ausgedrückt). Für westliche Besucher in Ägypten eher unerwartet werden indessen kritische Auseinandersetzungen über politische oder gesellschaftliche Themen erstaunlich offen in den regierungsunabhängigen ägyptischen Medien geführt. Obwohl sich die Reputation der Ausländer in Ägypten je nach Herkunftsland unterscheidet, wird verschiedentlich auf den „Khawaga (Ausländer)-Komplex“ der Ägypter aufmerksam gemacht. Dabei geraten die Anerkennung von oder der Respekt gegenüber westlichen Ausländern und die eigene wirtschaftliche Orientierung am „reichen Westen“ in Widerspruch zu Gefühlen, wie Neid oder Argwohn gegenüber westlich geprägtem Wohlstand, Überheblichkeit oder freizügiger Moral. Sofern ein ägyptischer Gesprächspartner das Verhalten seiner Landsleute kritisiert oder sich darüber lustig macht, sollten es Ausländer deshalb vermeiden zuzustimmen oder  mitzulachen.

 

Interkulturelles Einfühlungsvermögen sollte die Grenzen kulturbedingter Erklärungsversuche berücksichtigen

Bei der Gegenüberstellung von verallgemeinernden kulturellen Orientierungen oder arabischen und deutschen „Kulturstandards“ ist zu berücksichtigen, dass individuelle Verhaltensweisen durchaus von diesen Gruppenprofilen abweichen können und nicht nur kulturelle Prägungen als Ursachen für ein unerwartetes Verhalten in Frage kommen. So kann Unpünktlichkeit in Kairo nicht alleine mit unterschiedlichen Zeitkonzepten, also kulturell bedingt, gedeutet werden. Das hohe Verkehrsaufkommen macht zeitweise ein pünktliches Erscheinen zum vereinbarten Termin schier unmöglich und ist möglicherweise situativ bedingt. Unpünktlichkeit kann ebenso eine individuelle Verhaltensweise sein.

Die individuelle Identität ist nicht immer identisch mit der kulturellen Orientierung der Gruppe. Sie ist vielmehr das Ergebnis der Verknüpfung multipler Kulturen und unterliegt Veränderungen. Dennoch hilft die Auseinandersetzung mit allgemeinen kulturellen Orientierungen dabei, die eigenen Deutungsmuster zu durchschauen und zu erweitern.

Deutsche Experten, die im ägyptischen Umweltsektor arbeiten, weisen darauf hin, dass manche Verhaltensweisen oder Phänomene, die man zunächst als soziokulturell begründet vermutete, auf andere weniger kulturell bedingte Ursachen zurückgeführt werden können. So stellte sich z.B. in einem Projekt des Abfallmanagements in Oberägypten die Frage, ob die erfolgreiche Beteiligung der Bewohner bei der organisierten Abfallentsorgung im Wohnumfeld weniger von kulturellen Orientierungen, sondern eher von universellen Faktoren abhängig ist, wie Siedlungsdichte, funktionierende Nachbarschaftsbeziehungen und soziale Kontrolle oder die Befürwortung durch Schlüsselpersonen.

 

Schlussfolgerung

Die Bedeutung unterschiedlicher kultureller Orientierungen in der Zusammenarbeit mit Ägyptern sollte von deutschen KMU nicht unterschätzt und gleichzeitig die Kulturbedingtheit von Phänomenen nicht überschätzt werden. Entsprechend ist mit einem gewissen Zeit- und Kostenaufwand für den Erwerb interkultureller Kompetenzen für ein geschäftliches Engagement in Ägypten zu kalkulieren, sei es für das Selbststudium von Literatur, für Schnupper- und Delegationsreisen oder am besten für ein interkulturelles Training mit integrierter Erkenntnis der eigenen kulturellen Prägung. KMU sollten deshalb die anfallenden Kosten und Nutzen der unterschiedlichen Zugänge zum Erwerb von interkulturellem Einfühlungsermögen gründlich abwägen.

 

Weitere Informationen:

  • Schroll-Machl, Sylvia (2006): Die Deutschen – Wir Deutsche. Fremdwahrnehmung und Selbstsicht im Berufsleben, Göttingen.

 

  • Cooperating with Germans, in: Kollig, M./ Buhl-Böhnert, Th. (GlobalPilots): Intercultural Communication in research and technology project initiatives. A presentation for National Contact Points (NCPs) and coordinators of multinational consortiums, www.ncp-incontact.eu/nkswiki/images/2/25/ICC_Presentation.pdf.

 

[1] Kollig, M./ Buhl-Böhnert, Th. (GlobalPilots): Intercultural Communication in research and technology project initiatives. A presentation for National Contact Points (NCPs) and coordinators of multinational consortiums: Folie 33, 37, http://www.ncp-incontact.eu/nkswiki/images/2/25/ICC_Presentation.pdf (05.07.2010).

 

 

 

 

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