Den Islam respektieren

 

Deutsche Unternehmensangehörige, die in Ägypten Geschäfte machen wollen, sind gut beraten, ihr Islambild zu überprüfen und sich Kenntnisse über den Islam in Ägypten anzueignen. Nach dem säkular-sozialistischen Regierungskurs in den 1950er und 1960er Jahren wurde  seit den 1970er Jahren der Einfluss des Islam u.a. auch von Regierungsseite auf allen gesellschaftlichen Ebenen gestärkt, was insgesamt zu einer allmählichen Islamisierung des gesellschaftlichen Klimas führte. Der Islam bestimmt den Alltag vieler Ägypter. Dennoch verfolgen nicht alle Muslime einen orthodoxen islamischen Lebensstil. Es gibt viele islamische Strömungen und auch säkular-progressiv orientierte Kräfte. Deshalb sollte man sich nicht darauf festlegen, den Islam - oder konkret das Kopftuch - als Zeichen von Unterdrückung, Rückständigkeit oder mangelnder Bildung zu bewerten. Viele erwerbstätige und gebildete Frauen in Ägypten verorten sich über ihre Kleidung symbolisch in einer östlich-islamischen Kultur.

Insbesondere während des Fastenmonats Ramadan ist der Einfluss der Religion auf das Geschäftsleben am deutlichsten zu spüren. Firmen und Institutionen haben ihre Arbeitszeiten auf ein Minimum reduziert. Erledigungen werden auf „Baad al Eid“ – „nach dem Fest“, das den Ramadan abschließt, verschoben.

Bäckerei und Eisverkauf in Kairos Stadtzentrum
(© M. Schnepf-Orth 09/2010)

Während des Ramadan verschiebt sich der gesamte Tagesrhythmus zugunsten der langen Abendstunden. In den Städten sind dann viele Geschäfte, Restaurants und Kaffeehäuser bis tief in die Nacht geöffnet, während tagsüber Geschäfts-, Büro- und Schulzeiten eingeschränkt sind. Von Nicht-Muslimen wird insbesondere im Ramadan ein respektvolles Verhalten erwartet. Kaum jemand kann sich dem kollektiven Druck entziehen und wagt es, auf offener Straße tagsüber zu essen oder zu rauchen. Alkohol wird nur in Fünf-Sterne Hotels und nach Vorzeigen eines ausländischen Passes ausgeschenkt. [1]

Im Fastenmonat erreicht das Jahr paradoxerweise seinen kulinarischen Höhepunkt. Der Ramadan ist zugleich Zeit der Abstinenz und der Völlerei. Das tägliche Fasten wird erst nach Sonnenuntergang gebrochen, meistens im Kreis der Familie, und führt deshalb regelmäßig zum Zusammenbruch des städtischen Verkehrs in der Zeit vor dem Sonnenuntergang. Fleischgerichte, Gebäck und Süßspeisen haben Hochkonjunktur. [2]

Da der Mahlzeit des abendlichen Fastenbrechens (Iftar) eine so große Bedeutung zukommt, konsumieren die Ägypter im Fastenmonat statistisch fast doppelt so viel wie in den restlichen Monaten des Jahres. Steigende Lebensmittelpreise sind eine problematische Begleiterscheinung. Im Ramadan wird auch der tägliche Fernsehkonsum erheblich ausgeweitet. Arabische Telenovelas wetteifern um die Gunst der Zuschauer und greifen dabei gesellschaftlich und politisch kontroverse Inhalte auf, die zum Teil noch Monate nach Ende des Ramadan und der Ausstrahlung diskutiert werden. [3]

 

[1] El-Gawhary (2008): Alltag auf arabisch. Nahaufnahmen von Kairo bis Bagdad. Wien: 133f.

[2] Jödicke, D./Werner, K. (2009): KulturSchock Ägypten. München: 191f.

[3] El-Gawhary, K. (2008), a.a.O. (Anm. 1): 144-146.

 

 

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