„Die deutsche Direktheit wird geschätzt“ – höflich ausgedrückt

Mashrabiya: traditioneller Sicht- und Sonnenschutz (© M. Schnepf-Orth 9/2010)

 

Deutsche und ägyptische Höflichkeitsnormen können sich unterscheiden. „Wenn du den Pfeil der Wahrheit abschießt, tauche zuvor seine Spitze in Honig“ (arab. Sprichwort). [1]

Ägyptische Höflichkeit drückt sich beispielsweise in Respekt aus, etwa vor Höherrangigen, oder vor Älteren. Auch Frauen erheben sich bei der Begrüßung. Gegenüber Respektspersonen wird erwartet, Einwände vorsichtig und nicht zu lautstark vorzubringen. Verschiedene Verhaltensweisen signalisieren, dass man sich eines Ranggefälles bewusst ist. [2] Ein respektvolles Verhalten schließt ein, den Kooperations- oder Verhandlungspartner „ernst zu nehmen“ und die rein fachlichen Informationen stets mit dem Austausch von Höflichkeiten und Freundlichkeiten anzureichern.

Manchmal wirken ägyptische Höflichkeitsformeln auf sach-orientierte Deutsche übertrieben oder unehrlich. „Die Deutschen verwechseln Liebenswürdigkeit mit Lüge...“ [3]. Auch Ägypter finden es zuweilen anstrengend, dass man nicht immer weiß, woran man bei ihren Landsleuten wirklich ist. „Zu oft wird etwas gesagt, um zu gefallen oder um einen Gefallen zu tun.“ [4]  Konsequenterweise verlassen sich die wenigsten Ägypter untereinander auf vorgeblich fixe Vereinbarungen oder Versprechungen. „Und es läuft notwendigerweise auf den mitunter sehr erschöpfenden Stress eines andauernden Nachfragens und Überprüfens Dritter hinaus.“ [5] Deshalb wird die Direktheit der Deutschen durchaus geschätzt, und für Vertragsverhandlungen wird empfohlen: „Say what you want.“

Dennoch kann im konkreten Fall die deutsche Unmissverständlichkeit, entweder über ein deutliches Nein oder auch über distanzierende Körpersprache oder Gestik ausgedrückt, als Zeichen der Ablehnung interpretiert und als unnötige Schärfe oder Kälte empfunden werden.  Das deutsche Schwarz-Weiß Denken wirkt auf Ägypter oft befremdend, weil sich ägyptische Verhandlungspartner tendenziell darum bemühen (wenigstens nach außen hin) einen gemeinsamen Weg oder Kompromiss zu finden. Ehrlichkeit und Direktheit können rational zwar erwünscht sein, entsprechende Kommunikationsweisen werden jedoch emotional meist nicht  positiv empfunden.

 

[1] Jödicke, D./Werner, K. (2009): KulturSchock Ägypten. München: 204.

[2] von Brunn, R. (2007): Reisegast in Ägypten. München, Dormagen: 204f. 

[3] Ebenda: 206.

[4] El Siofi, M. H. (2009): Der Westen – ein Sodom und Gomorrah? Westliche Frauen und Männer im Fokus ägyptischer Musliminnen. Sulzbach: 87.

[5] Ebenda: 88.

 

 

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