Kairos Image als Unruheherd und andere Mythen

 

Bilder eines schnellen Bevölkerungswachstums sowie hoher Umweltbelastungen, terroristischer Zellen, kommunaler Unruhen zwischen Kopten und Muslimen, anti-amerikanischer Solidaritätsbekundungen und Anti-IWF Kundgebungen sowie pro-palästinensischer Bewegungen begründen den Mythos Kairos als Unruheherd.

Diese Assoziationen und Projektionen werden von Journalisten, Wissenschaftlern und internationalen diplomatischen Kreisen immer wieder neu hergestellt oder bestätigt. Demnach bedrohen Vorstellungen eines u.a. anarchistischen „städtischen Mobs“ die lokalen und globalen Ordnungsbemühungen. Sie werden von lokalen Politikern und Immobilienunternehmen instrumentalisiert sowie durch die Medien weltweit verbreitet. Die arabische Metropole gilt als „Fabrik terroristischer Risiken“ und legitimiert damit auch die Einschränkungen politischer Liberalisierungsprozesse, gegenüber einer Wirtschaftspolitik, von der Kritiker behaupten, sie bringe nur eingeschränkt soziale und arbeitsrechtliche Fortschritte hervor. [1]

 

Nicht nur Touristenattraktion: Bauchtanz (© C. Fricke 09/2010)

Paradoxerweise sieht ein anderer Mythos die Megastadt alles andere als explosiv, sondern als Ansammlung von Grabstätten oder von apathischen bzw. unterdrückten Bewohnern bevölkert. Die Tatsache, dass einige Stadtbewohner aus Wohnraummangel Friedhofsgebiete besiedeln, wird aus internationaler Perspektive häufig aufgebauscht oder romantisiert. Wiederum andere Darstellungen zeichnen Kairo als saharische Landschaft, entweder als Ort zeitloser, traditioneller Landwirtschaft am Nil oder mit einer hohen Dichte von Pyramiden und Grabstätten oder als Freiluftmuseum von Monumenten.
Insbesondere die Tourismusbranche und Filmindustrie halten diese Mythen aufrecht, ebenso wie das Bild Kairos als undurch-dringliches orientalisches Gassengewirr oder Ort femininer Unterwerfungsgebärden (Harem). [2]

In diesem Kontext fällt es schwer, sich einen unvoreingenommenen Blick auf die Stadt und ihre Interessengruppen zu bewahren.

 

[1] Singerman, D./Amar, P. (2006): Contesting Myths, Critiquing Cosmopolitanism and Creating the New Cairo School of Urban Studies. In: Dies. (Hrsg.): Cairo Cosmopolitan. Politics, Culture, and Urban Space in the new Globalized Middle East. Cairo, New York: 1-46: 21f..

[2] Ebenda: 22.

 

 

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