Kairos Rolle im regionalen Kulturbewusstsein

Werbung für den ägyptischen Film „Mickey’s Family“ mit der Schauspielerin Lebleba in der zentralen Rolle (© M. Schnepf-Orth 09/2010)

 

Kairo galt lange Zeit als bedeutendes Forum der arabischen Kultur, in dem politische und soziokulturelle Debatten ausgetragen wurden, und die ägyptische Kulturindustrie sorgte für deren Verbreitung im arabischen Kulturraum. Ägyptens quantitativ große und gebildete Mittelschicht resultiert aus dem Angebot vielfältiger Bildungseinrichtungen in Kairo, welches traditionell Studierende aus der ganzen Region anzieht. Ägyptische Lehrer, Anwälte, Ärzte und Ingenieure migrierten ihrerseits in arabische Länder.  Migrationsprozesse und die ägyptische Filmindustrie verbreiteten den ägyptischen Dialekt des Arabischen in den arabischen Ländern. [1]

Trotz starker Einflüsse der Mittelmeerländer und des kosmopolitischen und europäisch-verhafteten Denkens in Ägypten, bedeutete die Ansiedlung der Arabischen Liga in Kairo (1945), sich zunächst verstärkt als Herz der arabischen Welt zu identifizieren und eher nachrangig als mediterraner Partner. Zudem verbreiteten sich pan-arabische Strömungen, der Arabische Sozialismus, Einparteien-Systeme und islamischer Fundamentalismus von Ägypten ausgehend in der Region. Das revolutionäre Ägypten (1952-1970) unter Präsident Nasser nutzte die Ideale einer regionalen Solidarität und eines regionalen Kulturbewusstseins zur Abwehr neokolonialer, externer Einflüsse und Ambitionen. Staatliche Kulturproduktionen aus Ägypten (Filme, Literatur, Medien, Musik, Theater und Malerei) erlebten in dieser Zeit arabischer Bündnisse einen Boom in der arabischen Welt. Während der Regierungszeit Sadats (1970-81) erfolgte indessen eine radikale Umkehr ägyptischer Interessen hin zu einer wirtschaftlichen Öffnung (Infitah) gegenüber dem Westen. Mit seiner Israel-Politik entfernte sich Ägypten hingegen von dem politischen Mainstream der Arabischen Liga.

 

Zunehmender Einfluss der Golfstaaten

Im Zuge des Öl-Booms der Länder der arabischen Halbinsel entwickelte sich in den ehemals marginalen Staaten eine neue arabische Kulturszene, und pan-arabische Zeitschriften breiteten sich außerhalb Ägyptens aus. In den 1980er Jahren bekamen ägyptische Universitäten Konkurrenz durch Universitäten der Golfstaaten, die ihre Studiengänge in Fremdsprachen anbieten. [2]
Dennoch spielt Ägypten in der heutigen Medienlandschaft der Region eine immer noch große Rolle. Die ägyptische Presse ist eine der einflussreichsten und verbreitetsten. Im Verlagswesen hat Ägypten jedoch viel von seiner einstigen Stellung verloren. Bei neueren Medien liegt Ägypten im Mittelfeld der MENA-Region. In Ägypten befinden sich 12% aller Computer der Region, und ca. 16,7 Millionen Ägypter nutzen das Internet (Stand Dez. 2009). Die Produktion von Filmen innerhalb der arabischen Länder konzentriert sich weiterhin auf Ägypten, auch wenn die Golfstaaten auf diesem Gebiet stark aufgeholt haben. Die meisten kommerziellen Fernsehsender der MENA-Region sind in Kairos Media Production City vertreten. So versorgt die ägyptische Film und Fernsehindustrie den arabisch-sprechenden Raum mit ihren Produktionen. [3]

 

Ägyptens Rolle in der Produktion von Fernsehunterhaltung

In den arabischen Ländern sind schätzungsweise 70 Millionen Einwohner Analphabeten, für die das Fernsehen unersetzlich ist. Die Nachfrage nach ägyptischer Unterhaltungskultur stieg mit der Zeit kontinuierlich an. Die einflussreiche Unterhaltungsindustrie Ägyptens erwies sich dabei offener gegenüber westlichen Einflüssen, als die der Golfstaaten und wird über die ägyptische Bevölkerung hinaus von einer neuen Generation gebildeter Golfaraber und ausländischer Arbeitskräfte in der Golfregion sowie von arabischen Immigranten in der ganzen Welt nachgefragt. In quantitativer Hinsicht steht Ägypten z.B. mit der Produktion von Fernsehtragödien an der Spitze der arabischen Länder. Einerseits war Ägypten Pionier auf dem Gebiet der Fernsehunterhaltung und hat entsprechend ausgebildete Fachkräfte und bekannte Stars generiert. Zudem ist der ägyptische Dialekt des Arabischen in der arabischen Welt weitgehend bekannt.
Die melodramatische Ausrichtung der ägyptischen Fernsehtragödien und der Verzicht auf kontroverse Inhalte trifft Geschmackmuster über Ägypten hinaus. Die Themen rangieren hauptsächlich um soziale Inhalte, gefolgt von Komödien, während Sciencefiction und Krimis im Fernsehen weniger beliebt sind. Zwischenzeitliche Boykottversuche ägyptischer Kulturproduktionen seitens arabischer Länder schlugen weitgehend fehl, weil die Themen ägyptischer Filme dem arabischen Publikum näher liegen, als die asiatischer Filmproduktionen. [4]

 

Kairos Rolle als Mediator zwischen den Kulturräumen

Neben Formen der politischen und religiösen Zensur beeinflussen Investoren aus den Golfstaaten mit eher konservativen moralischen Einstellungen das kulturelle Klima in Kairo. Dennoch ziehen die Investitionen in Fernsehsender und neue Studios vielfältige kreative Aktivitäten in die Stadt. Viele internationale Unternehmen nutzen dieses Potenzial Kairos für Marketingzwecke, um auf dem arabischen Markt mit 200 Millionen Arabischsprechenden Fuß zu fassen. Dabei fungiert Kairo als Ort der Vermittlung zwischen unterschiedlichen Kulturräumen. Viele Unternehmen in Kairo leben von der Überwindung kultureller Barrieren oder von der Mediation zwischen westlicher und arabischer Kultur. Beispielsweise ist die Ausweitung der Software-Entwicklung in Kairo u.a. ein Ergebnis der Notwendigkeit einer „Arabisierung“ von Programmen, die von großen nordamerikanischen Unternehmen für die Märkte in der Region hergestellt werden. Im Zuge dieser Arabisierung wird eine neue überregionale, hybride arabische Identität konstruiert. [5]

 

[1] Sadek, S. (2006): Cairo as Global/Regional Cultural Capital? In: Singerman, D./ Amar, P. (Hrsg.): Cairo Cosmopolitan. Politics, Culture, and Urban Space in the new Globalized Middle East. Cairo, New York: 157. 

[2] Ebenda: 158-162.

[3] BBC-News (2010): Egypt Country Profile, http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/country_profiles/737642.stm (14.08.2010).

[4] Sadek, S. (2006), a.a.O. (Anm. 1): 166-167.

[5] Vignal, L./ Denis, E. (2006): Cairo as Regional/Global Economic Capital? In: Singerman, D./ Amar, P. (Hrsg.): Cairo Cosmopolitan. Politics, Culture, and Urban Space in the new Globalized Middle East. Cairo, New York: 120f. 

 

 

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