Frauen im Erwerbsleben

 

Mit Beginn der Nasser-Ära im Jahr 1952 förderte man die Schul- und Hochschulausbildung von Frauen verstärkt und ermutigte sie im Rahmen der nationalistisch-sozialistischen Tugenden verstärkt zur Erwerbstätigkeit. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben eine gute Ausbildung mit anschließender Berufstätigkeit für Frauen in Ägyptens urbanen Mittel- und Oberschichten weiter an Bedeutung gewonnen. Neben Einflüssen der Bildungspolitik und der Massenmedien, gestiegener Lebenshaltungs- und Haushaltsgründungskosten tragen allgemeine ökonomische Bedingungen verstärkt zu einer größeren Mobilität und der Berufstätigkeit von Frauen bei. [1]

Dennoch liegt der Anteil weiblicher Erwerbstätiger außerhalb der Landwirtschaft aktuell bei nur 20%. In der letzten Dekade ist dieser Anteil jährlich um weniger als 1% gestiegen, was darauf hin deutet, dass kein deutlicher Anstieg in näherer Zukunft zu erwarten ist. [2] Somit hat Ägypten eine der niedrigsten Raten der Frauenerwerbstätigkeit, die nur zum Teil auf wirtschaftlichen Bedingungen beruht. Kairos niedrige offizielle Frauenerwerbsquote von ebenfalls unter 30% erklärt sich mit hohen Anteilen informeller Arbeit, mit dem Abbruch der Erwerbsarbeit aufgrund von Erziehungszeiten sowie mit hohen Anteilen der Beschäftigung in Familienbetrieben. [3]

 
Frauen sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen (mit einer offiziellen Arbeitslosenquote von über 25%), und ihr durchschnittliches Einkommen entspricht nur etwa einem Viertel des Einkommens männlicher Arbeitnehmer. [4] Die Erwerbstätigenrate liegt in der Gruppe der 18-24jährigen Frauen am niedrigsten. [5] Gründe dafür lassen sich in der hohen Arbeitslosigkeit junger Erwachsener finden oder in der Lebensphase der Ausbildung bzw. Familiengründung. Frühe Heirat ist eher ein ländliches Phänomen: In der Altersgruppe der 15-21jährigen Frauen sind 70% verheiratet. Demgegenüber wird in Städten die Heirat wegen niedriger Einkommen oder Arbeitslosigkeit angesichts hoher Aufwendungen für die Heirat häufig hinausgezögert. [6]

Die durchschnittliche Alphabetisierungsrate unter ägyptischen Frauen (39,4%) liegt erheblich niedriger als die der Männer (83%) [7], hat zuletzt jedoch wesentlich zugenommen. Sie unterscheidet sich regional und je nach Altersgruppe erheblich. Weibliche Studierende stellen hingegen mehr als die Hälfte in der ägyptischen Hochschulausbildung und 56% der Universitätsabsolventen. Disparitäten zwischen den Geschlechtern werden insbesondere beim schlechteren Bildungszugang der Mädchen aus unteren Einkommensgruppen offensichtlich. Geringere Einschulungsraten und das vorzeitige Verlassen der Schule sind wesentliche Gründe. Sie sind in der Region Oberägypten am stärksten ausgeprägt. [8]

 

Frauen in Führungspositionen

Der Frauenanteil in Managementpositionen privater Unternehmen und des öffentlichen Sektors ist relativ gering. Durchschnittlich sind ca. 25% der Führungspositionen im öffentlichen Sektor – die drei höchsten Stellenkategorien - mit Frauen besetzt. [9]
Während 70% der Beschäftigten im Gesundheitsministerium von Frauen gestellt werden, sind es nur 15% auf den Ebenen ab dem mittleren Dienst. Ähnliche Diskrepanzen sind in anderen Ministerien zu beobachten.  
Kürzlich wurde erstmalig eine Frau in das höchste Verfassungsgericht (Supreme Constitutional Court) berufen. 2007 wurden 31 Richterämter mit Frauen besetzt. [10]

 

Unternehmerinnen

Inhaberinnen von Kleinst- und Kleinunternehmen haben Probleme mit dem Zugang zu formellen Finanzinstituten, weil ihnen notwendige Sicherheiten und häufig betriebs-wirtschaftliches Fachwissen fehlen. Sie verfügen im Allgemeinen auch über weniger Know-How hinsichtlich des Aufbaus und der Nutzung von Netzwerken und von Mentor-Beziehungen. Auch aufgrund einer u.a. begrenzten Mobilität sind nur wenige von Frauen geführte ägyptische KMU auf Exportaktivitäten ausgerichtet. Jedoch wurden in den letzten Jahren vermehrt Netzwerke von ägyptischen Geschäftsfrauen ins Leben gerufen. [11]

 

Frauenförderung

Das Engagement der ägyptischen Regierung für Geschlechtergerechtigkeit konzentriert sich auf die Angleichung der Schulbesuchsraten von Mädchen und Jungen. Was die rechtliche  Gleichstellung sowie eine höhere Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben angeht, steht Ägypten hinter Ländern, wie Marokko zurück. [12] Staatliche Initiativen, wie die Einrichtung des „Women Development Center“ zur Förderung von Kleinunternehmen und „women breadwinner“-Projekten, die auf Beratung und Veränderung des Ansehens berufstätiger Frauen angelegt sind, versuchen gegenzusteuern.
Ägyptische Netzwerke und Verbände zur Durchsetzung von Frauenrechten fokussieren ihre Aktivitäten auf die Novellierung des Personenstandsgesetzes (personal status laws) und versuchen dabei, die Anforderungen der Scharia mit der internationalen Menschenrechtskonvention zu vereinbaren. [13]

 

Vereinbarkeit und Image der Erwerbsarbeit

Die Mehrheit der ägyptischen Frauen ist aufgrund der momentanen wirtschaftlichen Situation des Landes dazu gezwungen einer bezahlten Arbeit nachzugehen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Somit sehen sich viele Frauen der Doppelbelastung Familie-Beruf ausgesetzt. Besonders für Frauen mit Kindern ist es schwierig, Erziehung und Beruf zu vereinbaren. Dem revidierten Arbeitsgesetz zufolge, haben Mütter lediglich Anspruch auf drei bezahlte Monate Mutterschutz, jeglicher zusätzlicher Urlaub muss unbezahlt genommen werden, wobei sich die Mutterschutzregelung lediglich auf Institutionen mit mehr als 50 Arbeitnehmern bezieht. Gewerkschaften und Frauenverbände kritisieren,  das Arbeitsgesetz habe die Möglichkeit offen gelassen, dass die Mehrheit ägyptischer Frauen diesen Anspruch überhaupt nicht geltend mache. Konservative Wertvorstellungen hinsichtlich der Rolle der Frau wirken in traditionell orientierten Familien auf den mangelnden Rückhalt, Frauen bei der Vereinbarung ihrer häuslichen und beruflichen oder politischen Aufgaben zu unterstützen. Dabei ist das westliche Konzept der guten Hausfrau in Ägypten tendenziell unbekannt, weil die Familien der Mittel- und Oberschicht, sobald sie es sich leisten können, im Allgemeinen Hausarbeiten nicht selbst verrichten, gleichgültig, ob die Frauen berufstätig sind oder nicht. Die Kosten für diese Dienstleistungen können aufgebracht werden, weil Unterprivilegierte nur gering entlohnt werden. [14] Vor allem in ländlichen Regionen erhalten erwerbstätige Frauen weniger gesellschaftliche Unterstützung. Trotz der Notwendigkeit eines zweiten Einkommens, herrscht häufig die Auffassung vor, die Rolle der Frau sei auf Kindererziehung und Hausarbeit beschränkt. [15]

 

 

[1] El Siofi, M. H. (2009): Der Westen – ein Sodom und Gomorrah? Westliche Frauen und Männer im Fokus ägyptischer Musliminnen. Sulzbach: 112-113.

[2] UNDP/ The Institute of National Planning (2008): Egypt Human Development Report 2008: 43, http://www.undp.org.eg/Portals/0/2008%20Egypt%20Human%20Development%20Report%20Complete.pdf (17.05.2010).

[3] El Siofi, M.H. (2009): a.a.O. (Anm. 1): 118.

[4] Demmelhuber, T./ Roll, S. (2009): Zwischen Stabilisierung und Machterhalt. Ägyptens Regierungspolitik zum Abbau regionaler und sozialer Disparitäten. In: Faath, S. (Hrsg): „Sozio-regionale“ Entwicklungsansätze in Nordafrika/Nahost. Ein erfolgversprechender Weg zur Stabilisierung der Staaten? GIGA – Institut für Nahost-Studien, Hamburg: 17, http://www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/content/imes/menastabilisierung/pdf/faath_studieEntwicklungsansatz_2009_volltext.pdf

[5] UNDP/ Institute of National Planning (2010): Egypt Human Development Report 2010. Youth in Egypt: Building our Future: 4, http://www.undp.org.eg/Portals/0/NHDR%202010%20english.pdf (04.05.2010).

[6] Ebenda: 7.

[7] Demmelhuber, T./ Roll, S. (2009): a.a.O. (Anm. 4): 17; UNDP/ Institute of National Planning (2008): a.a.O. (Anm. 2): 293ff.

[8] UNDP/ Institute of National Planning (2010):a.a.O. (Anm. 5): 7.

[9] Egypt State Information System (SIS): Women in the Executive Authority, http://www.sis.gov.eg/En/Story.aspx?sid=2259 (11.08.2010).

[10] Reem, L. (2010): Where women are. In: Al-Ahram Weekly On-line, 11-17 March 2010 Issue No. 989, http://weekly.ahram.org.eg/2010/989/eg7.htm.

[11] Egypt State Information System (SIS): Women in the Judiciary Power, http://www.sis.gov.eg/En/LastPage.aspx?Category_ID=834 (11.08.2010).

[12] Niethammer, C. (2007): Women in business. Al-Ahram Weekly On-line, 8-14 March 2007 Issue No. 835, http://weekly.ahram.org.eg/2007/835/sc63.htm.

[13] EC/ European Commission (2010): Implementation of the European Neighbourhood Policy in 2009 - Progress Report Egypt. Brussels: 6, http://ec.europa.eu/world/enp/pdf/progress2010/sec10_517_en.pdf (08.05.2010).

[14] Ahmed Abu Ghazala (2009): Networking for a purpose. In: Al-Ahram Weekly On-line, 24-30 December 2009 Issue No. 978, http://weekly.ahram.org.eg/2009/978/fe2.htm.

[15] El Siofi, M.H. (2009): a.a.0. (Anm. 1): 119.

[15] KAS-Länderbüro Ägypten: Frauen im ägyptischen Arbeitsgesetz, Seminar am 6.-7. Februar 2010/ Fayoum, www.kas.de/wf/doc/kas_18925-544-1-30.pdf (02.09.2010).

 

 

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