Bildung

Schulkindertransport (© C. Fricke 09/2010)

 

Die ägyptische Regierung hat seit den 1990er Jahren diverse makro-ökonomische Reformen sowie Maßnahmen zur Liberalisierung des Handels umgesetzt, u.a. um ausländische Direktinvestitionen zu erleichtern. Während diese Umstrukturierungsprozesse des Wirtschaftssystems in die Wege geleitet wurden, sind notwendige Reformen im Bildungssystem, insbesondere im Bereich der höheren Bildung (nach der Schulbildung) nicht erfolgt, was sich nachteilig auf ökonomische und soziale Fortschritte auswirkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine OECD/Weltbank Studie aus dem Jahr 2010, die von der ägyptischen Regierung in Auftrag gegeben wurde. Als besonders nachteilig für das Geschäftshandeln in Ägypten werden in diesem Kontext, neben dem Problem des Zugangs zu Finanzierungsinstrumenten und der ineffiziente Bürokratie, insbesondere die wenig adäquat ausgebildeten Arbeitskräfte identifiziert. [1]

Das ägyptische Schulsystem sieht nach der 9-jährigen Schulzeit zwei weiterführende Schultypen vor: den „general secondary“ (dreijährig) oder den „technical secondary“ (drei- und fünfjährige Ausbildungsgänge). Nur der Abschluss der „general secondary“ Schulen, die Thanaweya Amma Prüfung, berechtigt zu Ausbildungsgängen höherer Bildungsabschlüsse. [2]

Sozio-ökonomische Bedingungen und der Bildungshintergrund der Familien sind wesentliche Einflussfaktoren zur Erreichung von Schulabschlüssen. Ländliche Herkunft und das Geschlecht spielen ebenfalls eine Rolle. So leben 80% der niemals eingeschulten Kinder in ländlichen Gebieten und 82% der Nichteingeschulten sind Mädchen. [3] In einigen oberägyptischen Gouvernoraten sowie in der Grenzregion ist es absehbar, dass die in den UN-Millenniumentwicklungszielen formulierten Bildungsziele für 2015 nicht erreicht werden können. [4] In drei Gouvernoraten, werden dabei beispielsweise nicht die nationalen Zielvorgaben des Jungen-Mädchen Verhältnisses in sekundären Bildungsgängen erreicht. Das liegt zum Teil an infrastrukturellen und institutionellen Defiziten, aber auch an kulturellen Normen der in diesen Gouvernoraten ansässigen Beduinen, die Frauen davon abhält, ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen. [5] Obwohl die Mehrheit der Schüler mit sekundärem Bildungsabschluss Absolventen staatlicher Schulen sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines solchen Abschlusses exponentiell mit dem Besuch privater Schulen oder staatlicher Modellschulen. [6]

An den 17 staatlichen Universitäten (ohne die islamischen Azhar-Bildungseinrichtungen) war im akademischen Jahr 2008/2009 zwar die hohe Zahl von 1,43 Millionen Studenten – ca. 78% aller Studierenden [7] - eingeschrieben, dennoch wird eine Qualitätsminderung der höheren Bildung innerhalb der letzten dreißig Jahre festgestellt, die sich in einem Missverhältnis zwischen den Anforderungen des Arbeitsmarkts und der ständig steigenden Zahl arbeitsloser Hochschulabsolventen manifestiert.
Neben dem Besuch privater säkularer Bildungseinrichtungen ermöglichte der Staat die Ausweitung der religiösen Schul- und Hochschulbildung. Landesweit, insbesondere in ländlichen Gebieten, werden von der islamischen Al-Azhar Universität verwaltete Schulen eingerichtet, die sich aus Mitteln des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten finanzieren und nicht aus Mitteln des Bildungsministeriums. [8]

Kritiker des ägyptischen Bildungssystems bezeichnen es als schizophren, weil es widersprüchliche Auswirkungen der Globalisierungsprozesse nachzeichne. Demnach unterstützten die islamisch orientierten Erziehungseinrichtungen den Rückzug wenigstens von den kulturellen (unmoralischen) Aspekten der Globalisierung und ein kulturell authentischeres Erziehungsmodell. Andererseits könnten Ägypter, die westlich geprägte Bildungsinhalte und Internationalisierungsprozesse befürworten, aus einem Spektrum weltlicher Bildungseinrichtungen wählen, sofern sie in der Lage sind, die dafür u.U. hohen Kosten zu tragen. [9]

(© M. Schnepf-Orth 09/2010)

Trotz einiger signifikanter Fortschritte in der Schulbildung empfehlen OECD und Weltbank eine strukturelle Reform des Bildungssektors, zur

  • Ausweitung des Angebots von qualifizierten Facharbeitern (ohne Universitäts-abschluss),

 

  • Reduzierung des chronischen Überangebots von Hochschulabsolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften,

 

  • Anpassung der Lehrinhalte und –methoden an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes, und Ausweitung technischer Lehrinhalte um notwendige „soft skills“,

 

  • Eindämmung der Abwanderung von Hochschulabsolventen ins Ausland sowie

 

  • Schaffung von Bildungszugängen, die nicht mehr regional und nach Geschlecht variieren. [10]

 

 

[1] OECD/ The World Bank (2010): Reviews of National Policies for Education: Higher Education in Egypt 2010, Executive summary: 18, www.oecd.org/dataoecd/39/34/44820471.pdf (13.10.2010). 

[2] Ebenda: 19. 

[3] UNDP/ Institute of National Planning (2010): Egypt Human Development Report 2010 - Youth in Egypt: Building our Future: 4, www.undp.org.eg/Portals/0/NHDR%202010%20english.pdf (04.05.2010).

[4] UNDP/ The Institute of National Planning (2008): Egypt Human Development Report 2008: 39, http://www.undp.org.eg/Portals/0/2008%20Egypt%20Human%20Development%20Report%20Complete.pdf (17.05.2010).

[5] Ebenda: 42.

[6] UNDP/ Institute of National Planning (2010), a.a.O. (Anm. 3): 4.

[7] OECD/ The World Bank (2010), a.a.O. (Anm. 1): 19.

[8] Springborg, R. (o.Jg.): Egyptian Political Identity in the Face of Globalization. Selected Writings, London Middle East Institute (LMEI), www.lmei.soas.ac.uk/writings_docs/Identity.doc (15.08.2010).

[9] Ebenda.

[10] OECD/ The World Bank (2010), a.a.O. (Anm. 1): 21, 39.

 

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