Mindestlohndiskurse

Abfallsammler, Kairo
(© M. Schnepf-Orth 972010)

 

Ungeachtet der definierten Einkommensarmut halten 48,5% der ägyptischen Haushalte ihr Einkommen für unzureichend, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.[1]

Der seit 1984 unveränderte offizielle Mindestlohn beträgt nur 35 EGP/Monat (4,35 €). Nach den Berechnungen der „Egyptian Investment Authority“ verdienen 40% der ägyptischen Bevölkerung weniger als 2 USD/Tag und somit weniger als die international definierte Armutsgrenze. Das Durchschnittseinkommen eines Beschäftigten im öffentlichen Sektor liegt bei 394 EGP/Monat (49 €), ein Einkommen, das nach internationalen Standards ebenso Armut bedeutet.

Gewerkschaften und Aktivisten fordern einen Mindestlohn von 1.200 EGP/Monat (149 €) und setzten der Regierung im Frühjahr 2010 ein Ultimatum. In der Folge kam es zu heftigen Streiks und Demonstrationen, weil verschiedene oppositionelle Kräfte diese Forderung unterstützten. Seit Dezember 2006 wurden 2.026 Arbeiterproteste oder Streiks gezählt.[2] Jedoch sind Unabhängigkeit und Pluralismus von Gewerkschaften in Ägypten nicht garantiert. Ein gewerkschaftliches Engagement ist nur innerhalb einer registrierten Mitgliedschaft in der „General Federation of Trade Unions“ möglich, was einigen Konventionen der International Labour Organisation (ILO) widerspricht.[3]

Es ist offensichtlich, dass die Einkommen z.B. im öffentlichen Sektor nicht ausreichen, um die Lebenshaltungskosten von Familien, oder auch Singles tragen zu können. Dennoch suchen viele einen Job im öffentlichen Dienst, um Zugang zu den sozialen Sicherungssystemen, wie der Krankenversicherung, zu erhalten. Zudem enden Arbeitstage im öffentlichen Dienst früher, wodurch die Aufnahme von Nebenjobs erleichtert wird.

Analysten bemängeln, dass Gehaltsanpassungen häufig ad-hoc und entkoppelt von der Entwicklung der realen Lebenshaltungskosten erfolgten, meist unter dem Druck von Protesten. So wurden im Jahr 2008 die Gehälter um 30% durch den Präsidenten erhöht, nachdem es zu vermehrten Protesten, Streiks und Demonstrationen gekommen war. [4]

 

Weitere Informationen:
Deutsch-Arabische Industrie- und Handelskammer (2009): Gehaltsentwicklung in Ägypten 2009. Kairo.

 

[1] Prevailing Poverty. In: Al-Ahram Weekly On-line, 29 April - 5 May 2010 Issue No. 996, http://weekly.ahram.org.eg/2010/996/ec5.htm.

[2] Howeidy, A. (2010): Cairo's chants of dissent. In: Al-Ahram Weekly On-line, 6 - 12 May 2010 Issue No. 997, http://weekly.ahram.org.eg/2010/997/eg7.htm.

[3] European Commission (2010): Implementation of the European Neighbourhood Policy in 2009 - Progress Report Egypt, Brussels: 6, http://ec.europa.eu/world/enp/pdf/progress2010/sec10_517_en.pdf (08.05.2010). 

[4] Wahish, N. (2009): Easier said...? In: Al-Ahram Weekly On-line, 6 - 12 August 2009 Issue No. 959, http://weekly.ahram.org.eg/2009/959/ec3.htm.

 

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