Soziale Unterschiede - marginalisierte und elitäre Wohngebiete in Kairo

Hochverdichtete innerstädtische Wohngebiete, im Hintergrund informelle Siedlungen und die Mukattam Berge (© M. Schnepf-Orth 09/2010)

 

Kairos unterschiedliche Wohn- und Lebensorte werden im Folgenden als Indikator herangezogen, um soziale Unterschiede in Kairos Bevölkerung aufzuzeigen. Dazu werden die durchaus verbreiteten Extreme vorgestellt: einerseits benachteiligte Stadtviertel und andererseits geschlossene Wohnsiedlungen der einkommensstarken Bevölkerungsgruppen.

 

Informelle Siedlungen - ashwa’iyyat

Für die Mehrheit der ägyptischen Stadtbevölkerung gibt es drei Optionen der Wohnungsversorgung: unzureichend instandgehaltene Wohneinheiten des öffentlichen Wohnungsbaus, Massenwohnungsbau in den neuen Städten und das Wohnen in informellen Stadtgebieten. Letzteres ist die am schnellsten wachsende Alternative, während die geplanten neuen Städte bereits Abwanderungsprozesse aufweisen. [1]

Die Daten über die Anzahl von informellen Siedlungen, sogenannte ashwa’iyyat, im Großraum Kairo, sind aufgrund uneinheitlicher Definitionen eines informellen Stadtgebiets, bzw. ungeklärter Grenzziehung der jeweiligen Stadtgebiete nicht zuverlässig. In Kairo konzentriert sich die Mehrheit der ashwa’iyyat an der Peripherie des Großraums, in Gebieten, die nicht zuletzt wegen der ungenauen Datenlage nicht ausreichend mit  städtischer Infrastruktur und Dienstleistungen versorgt sind. [2] Nach den Kriterien der UN-Habitat Organisation leben 40% der ägyptischen Stadtbevölkerung in Slumgebieten. [3] Die Anzahl der Slums in Kairo wird von Behördenseite mit bis zu 174 angegeben, Einwohnerschätzungen bewegen sich zwischen 7 und 10,7 Millionen. Es ist somit davon auszugehen, dass 50% bis 65% der Stadtbevölkerung des Großraums Kairo Bewohner informeller Siedlungen sind und dass das Ausmaß städtischer Armut in Kairo insgesamt massiv unterschätzt wird. Die  Bevölkerungszahl dieser Gebiete wächst schneller als die übrige Stadtbevölkerung. [4]

Der Begriff ashwa’iyyat  bezeichnet in Kairo nicht alleine die marginalisierten Siedlungsräume, sondern pauschal auch ihre Bewohner, immerhin eine Mehrheit der Stadtbevölkerung, deren soziale Zusammensetzung jedoch variiert, denn nicht alle Haushalte der informellen Siedlungen sind einkommensschwach oder leben unter der Armutsgrenze. Dennoch werden die ashwa’iyyat und ihre Bewohner als Herkunftsorte des Extremismus, der Kriminalität und der Armut wahrgenommen. Innerhalb der statusbewussten ägyptischen Gesellschaft gilt der Wohnort in einer ashwa’iyyat als Makel und wird deshalb von den ashwa’iyyat-Bewohnern nur ungern zugegeben. Viele wohlhabende Stadtbewohner Kairos kennen nicht einmal die informellen Siedlungen in ihrer Nachbarschaft. [5]

 

Lebensstil der globalisierten Oberschicht: „Gated Communities“

Die Mittel- und Oberschicht strebt danach, der hohen Wohndichte und den Umweltbelastungen in der Kernstadt zu entgehen und sich von den häufig als aufrührerisch, kriminell oder ländlich stigmatisierten ashwa’iyyat-Bewohnern abzugrenzen. Wer in Kairo etwas auf sich hält ist beispielsweise Mitglied in einem Club [6] und wohnt in einer „gated community“. Seit dem Beginn der 1990er Jahre erfolgte ein Boom der Errichtung von mehr als 100 geschlossenen Wohnsiedlungen im Großraum Kairo. In unmittelbarer Nachbarschaft der hochpreisigen Villen oder Apartmenthäuser befinden sich Golfplätze, Freizeitparks, Kliniken und private Universitäten sowie Shopping Malls.

Die Standorte dieser neuen Wohnsiedlungen befinden sich zum großen Teil in Wüstengebieten des Großraums Kairo und seinem Hinterland. Lange Zeit assoziierte man mit der Kairo umgebenden Wüste eher die Vorstellung von Friedhofsgebieten als die von Luxuswohngebieten. Bereits in der Phase des arabischen Sozialismus unter Präsident Nasser wurden Visionen der Verlagerung und Ansiedlung von umweltbelastenden Industrien sowie Arbeitskräften in der Wüste entwickelt und später in Satellitenstädten umgesetzt. In jüngster Zeit wird jedoch die privilegierte Besiedlung der Wüste durch Gated Communities ähnlich positiv bewertet, quasi als Pionierleistung und Akt der Belebung von Wüstenflächen. Das Leben in der Wüste hat sich zum Luxusgut entwickelt, verbunden mit dem dazugehörigen Verkehrsmittel. Gerne wird der Wohlstand zur Schau gestellt. Viele legitimieren ihren Wohlstand mit zunehmenden Aktivitäten der Wohltätigkeit in islamischer Tradition. [7]

 

Weitere Informationen:

 

 

[1] Shehayeb, D.K. (2009): Advantages of Living in Informal Areas. In: GTZ (Hrsg.): Cairo’s Informal Areas. Between Urban Challenges and Hidden Potentials. Participatory Development Programme in Urban Areas (PDP), Cairo: 35, http://www2.gtz.de/dokumente/bib/gtz2009-0424en-cairo-informal-areas.pdf (20.06.2010)

[2] Sabry, S. (2009): Egypt’s Informal Areas: Inaccurate and Contradictory Data. In: GTZ (Hrsg.), a.a.O. (Anm. 1): 29-33.

[3] Zum Vergleich: In Algerien sind 11, 8% der städtischen Bevölkerung als Slumhaushalte kategorisiert, in Marokko 32% und in subsaharischen Ländern durchschnittlich 71,9%. UN-Habitat (2006): State of the World’s Cities 2006/2007, London: 190.

[4] Sabry, S. (2009), a.a.O. (Anm. 2): 29-32.

[5] Stryjak, J. (2009): Success Stories. In: GTZ (Hrsg.), a.a.O. (Anm. 1): 81.

[6] Haase-Hindenberg, G. (2009): Verborgenes Kairo - Menschen, Mythen, Orte, München: 97.

[7] Denis, E. (2006): Cairo as Neo-Liberal Capital? From Walled City to Gated Communities. In: Singerman, D./ Amar, P. (Hrsg.): Cairo Cosmopolitan. Politics, Culture, and Urban Space in the New Globalized Middle East, Cairo, New York: 47-71.

 

 

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