Religiöse Identitäten: Islam in Ägypten

Familie in der Al-Azhar Moschee, Kairo (© M. Schnepf-Orth 09/2010)

 

Etwa 90% der ägyptischen Bevölkerung bekennt sich zum sunnitischen Islam. Koptische Christen stellen mit 6-10% die größte religiöse Minderheit. Artikel 2 der ägyptischen Verfassung erklärt den Islam zur Staatsreligion und das islamische Recht zur primären Quelle der Gesetzgebung. Gleichfalls werden der Stellenwert und Schutz moralischer Wertvorstellungen sowie „authentischer ägyptischer Traditionen“ und  religiöser Erziehung durch die Verfassung garantiert, ebenso wie die Religionsfreiheit und die freie Meinungsäußerung.[1]

Für jeden wahrnehmbar hat die Rolle des Islam im öffentlichen Leben in den letzten Jahren stark zugenommen, und das kulturelle Klima wird neben „westlichen“ Einflüssen sehr stark von unterschiedlichen Strömungen des Islam bestimmt. Hunderttausende aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten zurückgekehrte ägyptische Arbeitskräfte und der Religionstourismus zu den heiligen Stätten in Mekka und Medina haben konservative Richtungen des Islam in Ägypten bestärkt. Gleichzeitig erfreuen sich auch weiterhin die antiorthodoxen, ausschweifenden religiösen Feste (Mulids) der Sufi-Bruderschaften in Kairo großer Beliebtheit und werden von bis zu einer Million Menschen besucht. Sechs Millionen Männer sind Mitglieder von insgesamt ca. 120 Sufi-Bruderschaften in Ägypten.[2]

Für Außenstehende entsteht der Eindruck einer Zerrissenheit der ägyptischen Gesellschaft, die sich zwischen westlicher Kulturdominanz und islamischen Werten orientiert, aber auch zwischen unterschiedlichsten Strömungen des Islam.

Letztere reichen von ultra-orthodoxen oder konservativen bis zu moderaten bzw. reformorientierten Kräften. Dennoch kommt es hin und wieder auch zu Bündnissen zwischen linken, islamistischen und bürgerlichen Kräften, wie im Zuge der Kampagnen für die 2011 anstehenden Präsidentschaftswahlen, die eine Wahl des Präsidentensohns zu verhindern suchen.[3]

 

Streit um den Gesichtsschleier

Der öffentliche Diskurs um den Niqab, Gesichtsschleier der Frauen, verdeutlicht unterschiedliche Positionen verschiedener muslimischer und säkularer gesellschaftlicher Gruppen. Der Gesichtsschleier war lange in Ägypten völlig unbekannt und ursprünglich nur in den Golfstaaten verbreitet. Über zurückkehrende ägyptische Gastarbeiter und zahlreiche Fernsehprediger findet er jedoch bei ultraorthodoxen und islamistischen Frauen zunehmend Zuspruch und gehört mittlerweile zum alltäglichen Straßenbild in Kairo. Das Kopftuch (hijab) wird hingegen von den meisten Frauen getragen. Nach weit überwiegender Auffassung muslimischer Rechtsgelehrter gibt es allerdings für die Vollverschleierung keine religiöse Rechtfertigung. Befürworter des Niqabs – darunter viele Vertreter der Muslimbruderschaft – argumentieren daher primär mit allgemeinen Sittlichkeitsvorstellungen und der individuellen Religions- und Meinungsfreiheit.[4] Für manche oppositionelle orthodoxe Islamisten bedeutet die komplette Verhüllung der Frauen darüber hinaus auch eine demonstrative Rebellion gegen ein politisches System, das sie für korrupt, autokratisch und inkompetent halten. Demgegenüber fühlen sich immer mehr moderate Muslime und Vertreter des säkularen Regimes von dem gesellschaftlichen Druck der islamistischen Hardliner herausgefordert. Für sie ist der Niqab-Streit Anlass, um gegen die „wachsende Totalopposition im Namen Gottes“ vorzugehen.[5] Für moderate oder reformorientierte Muslime ist der Niqab Ausdruck unislamischen und unmodernen Gedankenguts. Sowohl im ägyptischen Establishment als auch bei vielen „einfachen Leuten“ ist der Niqab auch deshalb nicht beliebt, weil er als ausländischer Import aus den als dekadent angesehenen reichen Golfstaaten betrachtet wird. Seit 2008 scheinen sich die Gegner des Gesichtsschleiers immer weiter durchzusetzen. Es wird erwartet, dass bald ein Verbot der Vollverschleierung an allen Schulen und Universitäten des Landes, ggf. sogar in allen öffentlichen Gebäuden, erlassen wird.[6]

 

Islamische Zensur und Tabuthemen

Der Einfluss der Religion wirkt sich auf das kulturelle Klima und die Meinungsfreiheit aus. Seit 2004 haben die islamische Al-Azhar Universität und der “Islamic Research Council” das Recht, nicht nur die Veröffentlichung von religiösen Werken zu überwachen und zu beanstanden, sondern auch von künstlerischen, literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten, sofern islamische Gesetze, Prinzipien und Werte verletzt werden. Angesichts der vielen verbotenen Veröffentlichungen wird den religiösen Kreisen und auch dem Staat vorgeworfen, die kreative und intellektuelle Freiheit im Land zunehmend einzuengen.[7] Ein Beispiel für die Forderung nach Zensur ist die Auseinandersetzung um die Neuauflage der Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ durch einen bekannten ägyptischen Schriftsteller. Eine Gruppe konservativer Anwälte hat gegen die neue Herausgabe des Werkes geklagt. In der arabischen Welt nahm und nimmt man bis heute vor allem Anstoß an den sexuellen Details des Werkes. Der Herausgeber hingegen will die Texte des arabischen Kulturerbes neu auflegen, weil sie aufgrund des zunehmenden Einflusses der Wahhabiten (Saudi-Arabien) kaum mehr gedruckt werden.[8] In diesem Kontext bietet auch der umstrittene Roman „Der Jakubijan-Bau“ des ägyptischen Schriftstellers Alaa al-Aswani eine lehrreiche Grundlage, sich über einige Tabuthemen und Problematiken der ägyptischen Gesellschaft zu informieren. Die Verfilmung des gesellschaftskritischen Werks führte zu vielen Protesten.

 

Muslimische Frauenbewegung

Eine Strömung der heutigen Frauenbewegung ist islamisch geprägt, die den Koran frauenfreundlich interpretiert. Die Al-Azhar-Universität in Kairo bildet seit 1999 weibliche Prediger aus. In den letzten Jahren gab es Kampagnen für eine offizielle Anerkennung weiblicher Muftis, die Fatwas, islamische Rechtsgutachten, verfassen (die Entscheidung darüber unterliegt Präsident Mubarak). Doch gibt es an der Al-Azhar-Universität bereits Dekaninnen der Fakultät für Islamwissenschaften oder für Scharia-Recht. Ferner spielen Frauen eine wichtige Rolle im medialen Islam: In Fernsehen, Zeitung und Internet werden Fatwas von weiblichen Muftis bereits verbreitet.[9]

 

Infokasten: Politischer Islam in Ägypten – die Muslimbruderschaft

 

Weitere Informationen:
Kramme-Stermose, F. (2004): Perspektiven des politischen Islam in Ägypten. Friedrich-Ebert-Stiftung, Referat Naher/Mittlerer Osten und Nordafrika, Berlin, http://library.fes.de/pdf-files/iez/02669.pdf.


[1] Hamzawy, A. (2009): Between expression and religion. In: Al-Ahram Weekly On-line, 6 - 12 August 2009 Issue No. 959, http://weekly.ahram.org.eg/2009/959/op2.htm.

[2] Madoeuf, A. (2006): Mulids of Cairo: Sufi Gilds, Popular Celebrations, and the ‚Roller-Coaster Landscape‘ of the Resignified City. In: Singerman, D./ Amar, P. (Hrsg.): Cairo Cosmopolitan. Politics, Culture, and Urban Space in the new Globalized Middle East. Cairo, New York: 465-487.

[3] derstandard.at: ElBaradei holt Muslimbrüder und Linke ins Boot, 09. Juni 2010, 10:36, http://derstandard.at/1276043419185/ElBaradei-holt-Muslimbrueder-und-Linke-ins-Boot.

[4] Jakobs, A. (2009): Ägypten streitet über den Gesichtsschleier. Länderbericht KAS Auslandsbüro Ägypten, Oktober 2009, http://www.kas.de/wf/doc/kas_17812-544-1-30.pdf (24.09.2010).

[5] Gehlen, M. (2010): Arabische Regime verbannen Vollschleier. In: Zeit Online, 24. September 2010, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/verbot-vollschleier-gehlen.

[6] Jakobs, A. (2009), a.a.O. (Anm. 4).

[7] Hamzawy, A. (2009), a.a.O. (Anm. 1).

[8] Grees, S. (2010): Scheherazades Zensoren - Kontroverse um "Tausendundeine Nacht" in Ägypten. In: Qantara.de, http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-796/i.html (14.10.2010).

[9] Länder-Informations-Portal (InWEnt), http://liportal.inwent.org/aegypten/gesellschaft.html (12.10.2010); vgl. auch Haase-Hindenberg, G. (2009): Verborgenes Kairo - Menschen, Mythen, Orte. München: 141-161.

 

 

 

 

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