Regionale Identitäten: das Beispiel der Sa'idi - Oberägypter

Oberägyptischer Würdenträger, Memphis
(© M. Schnepf-Orth 9/2010)

 

Zuwanderer aus Oberägypten, dem Süden Ägyptens, werden in Kairo als Sa’idi bezeichnet. Sie stellen einen hohen Anteil der niedrig entlohnten Arbeitskräfte in Kairo. Ihre   Stigmatisierung - sie werden häufig auf humorvolle Weise in die Ecke der Zurückgebliebenen gedrängt[1] -  und auch ihr Status spiegelt einerseits die anhaltende wirtschaftliche Marginalisierung ihrer Herkunftsregion wieder. Die Kluft zwischen den wirtschaftlich unterschiedlich entwickelten Landesteilen Ober- und Unterägypten geht dabei auf das 18. und 19. Jahrhundert zurück, als sich die Marktwirtschaft vorrangig in der bewässerten Region des Nildeltas im Norden ausbreitete. Andererseits wird die ungleiche wirtschaftliche Entwicklung der beiden Landesteile in der ägyptischen Gesellschaft auch mit einem „kulturellen“ Hintergrund erklärt.

Oberägypter werden im Allgemeinen gegenüber anderen Zuwanderern als „speziell“ und weniger integrationsbereit wahrgenommen, obwohl sie in Kairo weder eine religiöse, ethnische oder ausländische Minderheit bilden und sich auch der starke Migrationsdruck auf Kairo abgeschwächt hat. Insbesondere in der Hochzeit militanter islamistischer Bewegungen in den 1990er Jahren wurde den Sa’idi beispielsweise eine Tendenz zum radikalen Islamismus zugeschrieben. Kairos informelle Siedlungen, mit einer angeblich hohen Dichte oberägyptischer Bevölkerung, galten als Keimzellen. Diese Art der Einordnung erfolgte u.a. aufgrund einer unterstellten, „kulturell“ bedingten Bereitschaft zu gewalttätigen Aktivitäten, die auf bestimmten Traditionen, wie der Blutrache beruhe. Den Einkommensschwachen Zuwanderern aus dem ländlichen Raum wurden somit gewalttätige politische Auseinandersetzungen und eine soziale Destabilisierung der Stadt angelastet. Die stereotype Wahrnehmung der Region Oberägypten und ihrer Bewohner wurde in dieser Zeit von den Medien verstärkt und verdichtete sich zu dem Bild einer kulturellen Rückständigkeit, die sich Modernisierungsprozessen widersetzt. Bilder eines ländlichen, traditionellen Hintergrunds kommen auch heute noch in Witzen über Oberägypter zum Ausdruck.

De facto sind Oberägypter in Kairo in allen sozialen Schichten vertreten. Dennoch neigt man dazu, sie kollektiv mit armen ungebildeten Zuwanderern gleichzusetzen. Die Stigmatisierungsprozesse haben indessen dazu geführt, dass sich in der Selbstwahrnehmung der Sa’idi  die eigene regionale Identität bestärkt hat. In einer Art Gegenbewegung identifizieren sich viele oberägyptisch-stämmige Einwohner Kairos mit einem positiven Image, das bestimmte Werte hervorhebt, wie Stolz oder Reinheit im Sinne sittlich-moralischer Grundhaltungen, und der angeblich dekadenten oder westlich geprägten städtischen Kultur Kairos gegenüberstellt. Die kulturelle Sichtweise auf Oberägypter hat die Herausbildung einer regionalen Identität oberägyptischer Zuwanderer in Kairo begünstigt und dadurch Abgrenzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen gefestigt. Soziale Spannungen werden demnach von den Beteiligten auch als Ergebnis kultureller Unterschiede interpretiert, symbolisiert durch den Gegensatz zwischen Modernität (Kairo) und Tradition (Oberägypten). Fragen der regionalen Zugehörigkeit erleben deshalb im städtischen Umfeld, insbesondere im Rahmen politischer und sozialer Mobilisierungsprozesse, eine Renaissance.[2]


[1] von Brunn, R. (2007): Reisegast in Ägypten. München, Dormagen: 36.

[2] Miller, C. (2006): Upper Egyptian Regionally Based Communities in Cairo: Traditional or Modern Forms of Urbanization? In: Singerman, D./ Amar, P. (Hrsg.): Cairo Cosmopolitan. Politics, Culture, and Urban Space in the New Globalized Middle East. Cairo, New York: 375-397.

 

 

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