Ägyptische Identitäten – Differenzierungsprozesse in der ägyptischen Gesellschaft

Nilbrücke in Kairo (© C. Fricke 09/2010)

 

Die ägyptische Regierung propagiert eine monolithische, ägyptisch-arabische Identität, die jedoch nicht gleichermaßen von allen Bevölkerungsgruppen getragen wird. So treten beispielsweise Diskrepanzen zwischen dem ägyptisch-arabischen (islamischen) Selbstverständnis und dem der religiösen oder regionalen Minderheiten auf. Ebenso vergrößert sich die Kluft zwischen den globalisierten ökonomischen Eliten und der armen Bevölkerung. Die Anliegen unterer Einkommensgruppen und der Angehörigen einer enttäuschten Mittelschicht, die kaum soziale Aufstiegschancen sieht [1], werden u.a. durch  Bewegungen des politischen Islam unterstützt. Wohlhabende Gruppen haben hingegen eher westliche oder globalisierte Lebensstile angenommen. Viele dieser Gewinner der wirtschaftlichen Liberalisierung verstehen sich als Zugehörige einer amorphen Mittel- oder Oberschicht, ohne einheitliche politische Identität oder nationalistische Überzeugung:

„....today’s capitalists are almost necessarily not nationalist but internationalist, taking their cues as much from abroad as domestically.” [2]

Große Teile der Gesellschaft haben ihre Bindungen zu einer Region, einem Ort oder zum Familienverband gelockert, bedingt durch Bildung, Binnenmigration und Urbanisierung, Suburbanisierungsprozesse und Migration ins Ausland. Mehr als 7 Millionen Ägypter leben im Ausland. Weiterhin ermöglicht die Ausbreitung der Informationstechnologien neue Zugänge zu Wissen und verändert soziale Beziehungen. 56 Millionen Ägypter besitzen ein Mobiltelefon und 15 Millionen verfügen über einen Internetzugang. [3]

Die Expansion der städtischen Gesellschaft und der Beschäftigungs-möglichkeiten im privaten Sektor führen zu Verän-derungen des staats-bürgerlichen Verständ-nisses. Neben vielen anderen sozialen und wirtschaftlichen Entwick-lungen verändert sich die facettenreiche Abhängigkeit des Bürgers vom Staat.

Wurde die Individualität früher dem Familienverband, der Nation/dem Volk oder der Klasse untergeordnet, ist man heute eher zur räumlichen Mobilität und zu beruflichen Veränderungen bereit. Damit einher geht häufig ein Niedergang konventioneller sozialer Bindungen oder familiärer Netzwerke. Gefühle des Entfremdetseins, der Verunsicherungen oder Enttäuschung werden teilweise durch verstärkte Zuwendung zur Religion kompensiert. [4]
Die folgenden Ausführungen sollen dabei helfen sich einen Eindruck von der Heterogenität der ägyptischen Gesellschaft zu verschaffen.

•    Regionale Identitäten: das Beispiel der Sa’idi – Oberägypter

•    Arabisch-ägyptische Identität - Abgrenzungen gegenüber „Afrikanern“

•    Religiöse Identitäten: Islam in Ägypten

•    Soziale Unterschiede –  marginalisierte und elitäre Wohngebiete in Kairo

 

[1] Amin, G. (2000): Whatever Happened to the Egyptians. Changes in Egyptian Society from 1950 to the Present. Cairo, New York. Darin Kapitel 2: Religious Fanaticism.

[2] Springborg, R. (o.Jg.): Egyptian Political Identity in the Face of Globalization. Selected Writings, London Middle East Institute (LMEI), www.lmei.soas.ac.uk/writings_docs/Identity.doc (15.08.2010).

[3] Abdel-Moneim, S. (2010): Searching for Egypt's identity. In: Al-Ahram Weekly On-line, 3 - 9 June 2010 Issue No. 100, http://weekly.ahram.org.eg/2010/1001/op3.htm.

[4] Ebenda.

 

zurück__________________________________________________weiter