Abfallwirtschaft in Marokko

Gesetzlicher Rahmen

Bereits im Jahr 2000 wurd das Abfallgesetz 28-00 erlassen. Dieses regelt die Abfallwirtschaft und umfasst die Abfallsammlung, -behandlung und -beseitigung. Im dem Gesetz werden die Abfälle untergliedert in Hausmüll, industrielle, medizinische und gefährliche Abfälle. Es werden entsprechend der Abfallarten auch Einzelheiten über die Verwaltungsverfahren und technische Anforderungen an kontrollierte Deponien (VO Nr. 2-09-284) festgelegt. Darunter werden Verfahren zur Errichtung, wesentlichen Änderungen und Stilllegung von Deponien inklusive technischer Anforderungen für Standortsuche und Betrieb festgeschrieben. Damit können Sicherheit, Hygiene und Überwachung solcher Deponien gewährleistet werden.

Das Kommunalgesetz (Charte Communale Art. 39) überträgt die Verantwortung für die Sammlung, den Transport, die Lagerung und Aufbereitung der Hausmüll- und hausmüllähnlichen Abfälle an die Kommunen. Diese können die Aufgaben entweder selbst erfüllen, einen eigens damit beauftragten Kommunalbetrieb gründen oder private Betreiber beauftragen.

 

 

Spezifische Abfallmengen

In Marokko wird mit einer jährlichen Abfallproduktion von 6,5 Mio. Tonnen, d. h. 18.000 Tonnen/Tag und durchschnittlich 0,75 kg/Person und Tag, gerechnet. Die Mengen unterscheiden sich in den verschiedenen Regionen und Städten. Sie sind abhängig von dem jeweiligen Lebensstandard, der Jahreszeit und der Sammelquote. Im ländlichen Bereich beträgt die durchschnittliche Abfallproduktion rund 0,3 kg/Person und Tag, im städtischen Bereich ca. 1 kg/Person und Tag.

Eine geordnete Abfallsammlung findet nach Angaben des Umweltministeriums zu 70-80% statt. In der Vergangenheit wurde jedoch ein Großteil des Abfalls auf wilden Deponien ohne vorherige Behandlung abgelagert. Es werden mehr als 300 wilde Deponien betrieben und nur wenige kontrollierte Deponien. 2007 hat die Regierung ein finanziell umfangreich ausgestattetes Programm zur Sanierung und zum Neubau von Hausmülldeponien aufgelegt (PNDM). In einigen Städten wurden bereits neue Deponien errichtet (Fès) bzw. alte modernisiert (Casablanca, Tanger) [Neue Zürcher Zeitung AG 2008, IU Info 2011].

 

 

Abfallzusammensetzung

Abfallbehälter in Rabat (Foto: L. Nuphaus)

Auf qualitativer Ebene unterscheidet sich die Natur der Abfälle in Marokko erheblich von der in industrialisierten Ländern. Dieser Unterschied betrifft den Wassergehalt und den Anteil an gärungsfähigen organischen Anteilen.

Es ist festzustellen, dass die Abfälle in Marokko eine hohe Dichte, einen hohen Wassergehalt und einen geringen Heizwert (4.200 kJ/kg) aufweisen.

 

 

 

Tabelle: Vergleich der Abfallzusammensetzung in Marokko, Frankreich, Tunesien und USA (in %) [Brahim Soudi 2007, 11]

Fraktion Marokko Tunesien Frankreich USA
Organischer Anteil
(gärfähig)
60-80 68 30 15-20
Feuchtigkeit 60-75 - 35 30
Papier 7-10 11 30 20
Holz 7 - - 2
Plastik u. Gummi 4-7 7 15 10
Textil 3 3 2 2
Leder u. Balg 0,3 - - 1
Metall 1 4 6 10
Glas u. Keramik 1,5 2 12 10
Asche 10,5 - - -

 

Behandlungswege

 

Mit-/Verbrennung

Die Abfallverbrennung spielt in Marokko nur eine untergeordnete Rolle. Der hohe Feuchtegehalt und der damit verbundene geringe Heizwert (4.200 kJ/kg) der Haushaltsabfälle erlaubt keine Verbrennung der Abfälle bzw. erschwert diese. In industrialisierten Ländern liegt der Heizwert des Haushaltsabfälle vielfach zwischen 6.300 und 11.700 kJ/kg. Hausmüllverbrennungsanlagen gibt es in Marokko daher nicht.

Die Mitverbrennung spielt jedoch zunehmend eine Rolle. So werden industrielle Abfälle in Zementwerken mit verbrannt. Eine umweltverträgliche Abfallmitverbrennung ist Teil des marokkanischen Entsorgungskonzeptes. Im Rahmen eines Pilotprojektes der GTZ und der Firma Holcim wurden hierzu Standards erarbeitet. Bereits im Jahr 2000 wurden aufgrund einer Vereinbarung mit dem marokkanischen Umweltministerium die Mitverbrennung von Altreifen im Zementwerke von Holcim in Fès aufgenommen. Die marokkanische Zementindustrie hat im Jahr 1997 eine freiwillige Vereinbarung mit dem Umweltministerium zur Einhaltung von Luftemissionswerten und zur Sanierung von Altanlagen abgeschlossen [Pluschke 2005, 1 ff.]. Im Vollzug dieser Vereinbarung wurden bis 2003 500 Millionen Dirhams (50 Millionen Euro) in die Sanierung von Altanlagen investiert.

Eine verbindliche Rechtsverordnung zur Abfallmitverbrennung, die auch andere Industriezweige betrifft, liegt im Entwurf vor.

Die Stadt Sale plant derzeit mit der deutschen Firma Hinkel eine Deponie mit einer vorgeschalteten Recyclinganlage, auf der geeignete Abfälle abgetrennt und zu Ersatzbrennstoffen aufbereitet werden sollen [MWKEL 2011]

 

Biogas-/Deponiegasproduktion

Seit den 80er Jahren sind in Marokko in mehr als 350 ländlichen Städten kleine chinesische Versuchsreaktoren aufgestellt worden. Diese Systeme sind sehr einfach konzipiert und erlauben eine kontinuierliche oder diskontinuierliche Materialzufuhr in den Reaktorbehälter. Die Anlagen bestehen aus einem Gärbehälter, einer Temperaturregulierung und einer Vorrichtung zur Lagerung des Gases. Diese Reaktoren weisen eine Produktivität von 0,15 bis 0,3 Kubikmeter Biogas pro Kubikmeter Gärbehälter und Tag auf. Darüber hinaus werden einzelne größere Biogasanlagen betrieben [Brahim Soudi 2007, 31].

Auf den kontrollierten Deponien, die im Rahmen des PNDM errichtet werden, können die Deponiegase in größeren Mengen gefasst, verbrannt und unter Umständen auch verstromt werden. Für die erste Biogasanlage in Fes wurde Februar 2010 eine entsprechende Studie von der Regierung in Auftrag gegeben.

 

Kompostierung

Diese Methode wird aufgrund des hohen Anteils an organischen Stoffen in den Abfällen als eine sinnvolle Option angesehen. Die Kompostierung erlaubt nicht nur die Reduzierung des Massenanteils an Müll durch den biologischen Abbau sondern liefert auch Kompost ohne pathogene Keime. Kompost kann zur Verbesserung der Bodenstruktur beitragen und dadurch eine weitere Versteppung von Flächen verringern [Brahim Soudi 2007, 33].

Damit die Kompostierung einen wesentlichen Anteil zur Entsorgung der Siedlungsabfälle beitragen kann, wäre jedoch eine getrennte Abfallsammlung nötig, die bislang nicht existiert.

Abgesehen von der Stadt Rabat ist keine nach dem europäischen Modell errichtete öffentliche Anlage länger als sechs Jahre in Betrieb gewesen. Im Großraum Agadir gibt es vier private Kompostierungsanlagen.

Die Stadt Sale plant derzeit mit der deutschen Firma Hinkel eine Deponie mit einer vorgeschalteten Recyclinganlage, auf der organische Abfälle kompostiert werden sollen [MWKEL 2011]

 

 

Gefährliche Abfälle

Gerberei in Fez (Foto: L. Nuphaus)

Die Entsorgung von gefährlichen und Sonderabfällen erfolgt in Marokko aktuell nicht in systematischer Form. Da jedoch das neue Abfallgesetz zwingend vorsieht, dass gefährliche Abfälle nur in dafür zugelassenen Anlagen behandelt werden dürfen, besteht hier ein erheblicher Handlungsbedarf.

Das Umweltministerium plant deshalb die Einrichtung eines nationalen Abfallentsorgungszentrums für Sonderabfälle (CNEDS Centre National d'Elimination des Déchets Spéciaux), das in den letzten zwei Jahren mit einer entsprechenden Studie der KfW vorbereitet wurde [Khalid 2008].

Aufkommen

Bei gefährlichen  Abfällen handelt es sich um Abfälle, die im marokkanischen Abfallkatalog als gefährlich eingestuft werden und die daher nur in speziell hierfür genehmigten Anlagen entsorgt werden dürfen.

Der Anteil an gefährlichen Abfällen lag im Jahr 2008 bei 256.045 Tonnen. Die Prognose der Abfallmengen berücksichtigt die Entwicklung der (Abfall-) Erzeugersektoren, der Gesetzgebung und die kurz-, mittel und langfristigen Praktiken der Abfallentsorgung in Marokko. Es wird davon ausgegangen, dass die Abfallmengen in Zukunft ansteigen werden.

 

Tabelle: Prognose des nationalen (gefährlichen) Abfallaufkommens in Marokko 2008 – 2028 [SEEE 2010]


Entwicklung des Abfallaufkommens (in Tonnen)

Jahr

Minimum

wahrscheinlich

Maximum

2008

256.045

256.045

256.045

2013

289.413

289.284

285.470

2018

350.330

291.600

272.041

2023

414.531

351.278

342.023

2028

476.984

449.505

441.986

 

Zur Einrichtung von Behandlungsanlagen entsprechend den verschiedenen Abfallklassen in Marokko wurde das Abfallaufkommen auch nach Behandlungsverfahren geschätzt.

Tabelle: Nationales (gefährliches) Abfallaufkommen nach notwendigen Behandlungsverfahren 2008 [SEEE 2010]

Behandlungsverfahren

Jährliche Abfallmenge

(in Tonnen)

Recycling

54.908

Mülldeponie ohne Vorbehandlung

47.640

Mülldeponie nach Vorbehandlung

3.083

Physikalisch-chemische Behandlung (anorganisch)

82.667

Trennung Öl-Wasser

12.804

Behandlung von Lösungsmitteln

152

Thermische Abfallbehandlung

51.401

Total

256.045

 

Das größte Abfallaufkommen findet sich in der Region um Casablanca und Rabat, in der auch ein Großteil der Industrie Marokkos angesiedelt ist. Im Süden des Landes fallen aufgrund der geringen industriellen Dichte nur in geringem Maße  gefährliche Abfälle an.

Tabelle: Nationales (gefährliches) Abfallaufkommen nach Regionen 2008 [SEEE 2010]

Regionen

Jährliche Abfallmenge (in Tonnen)

Chaouia Ouardigha

4.008

Grand Casablanca

93.227

Laayoune

2.446

Oued Eddahab

36

Taza Hoceima Taounate

4.366

Oriental

27.692

Smara-Guelmim

178

Meknes Tafilalet

10.291

Gharb Charda Bni Hssen

3.724

Rabat-Zemmours Zaers

12.850

Fes Boulemane

19.391

Tanger Tétouan

8.741

Marrakech Haouz Tensift

16.891

Tadla Azilal

7.390

Souss Massa Daraa

6.446

Doukkala-Abda

38.368

Total

256.045

 

Die gefährlichen Abfälle fallen zwar meist im Industriesektor an; es gibt aber auch andere Sektoren wie z.B. die Gemeinden und die Krankenhäuser, in denen gefährliche Abfälle produziert werden. Generell verfügen diese nicht über angemessene Ablagerungsmöglichkeiten für die gefährlichen Abfälle. Die Umweltrisiken sind auf diesen Lagerstätten erheblich.

Tabelle: Nationales (gefährliches) Abfallaufkommen nach Sektoren 2008 [SEEE 2010]

Sektoren

Jährliche Abfallmenge

(in Tonnen)

Chemische Industrie und Parachemie

103.172

Textil- und Lederindustrie

86.052

Elektroindustrie und Elektronikbau

3.083

Nahrungsmittelindustrie

14.001

metallurgische, Metall- und Energieindustrie

4.365

Andere

15.110

Total

256.045

 

Tabelle: Nationales (gefährliches) Abfallaufkommen nach ihrer physischen Eigenschaft 2008 [SEEE 2010]

Eigenschaft

Jährliche Abfallmenge

(in Tonnen)

pastös

30.510

fest

85.684

flüssig

139.851

Total

256.045

 

Sonderabfälle

Unter Sonderabfällen versteht man Abfälle, die im marokkanischen Abfallkatalog als nicht gefährlich eingestuft werden, die aber nicht wie Haushaltsabfälle behandelt werden können. Sonderabfälle entstehen vor allem bei der Herstellung von chemischen Erzeugnissen, bei der Nahrungsmittelproduktion und bei der Metallerzeugung und -bearbeitung.

Sie setzen sich insbesondere aus Flugaschen, Schlacken und Kalziumkarbonaten zusammen.

Die Flugaschen und Schlacken stammen vor allem aus der Stromerzeugung. Das Kalziumkarbonat fällt bei der Herstellung von gezuckerten Säften an. In der Metallindustrie entstehen Schlacken in den Hochhöfen.

Die Sonderabfälle beinhalten also kein brennbares Material. Die Schlacke kann jedoch in der Zementindustrie verwertet werden. Das Kalziumkarbonat dient als Rohstoff für die Klinker- und Ziegelherstellung.

E-waste

Das Aufkommen an Elektronikabfall aus dem Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) wurde für das Jahr 2007 auf rund 30.000 t geschätzt. Ein weiterer Anstieg der Abfallmengen wird erwartet. Das höchste Aufkommen ist in den Regionen mit der höchsten Bevölkerungsdichte und der größten wirtschaftlichen Aktivität (Casablanca, Souss, Marakkesch, Tanger/Tetouan und Rabat) zu finden. [Laissaoui 2008, 39 ff.]