Abwasserwirtschaft in Algerien

 

Algerien gehört zu den wasserärmsten Gebieten der Mittelmeerregion. 80% des Landes sind als aride und semiaride Gebiete von Bodendegradation und -erosion betroffen. Die Niederschläge sind in den letzten Jahren stark zurück gegangen. Hinzu kommt, dass durch Bevölkerungszuwachs und den Wirtschaftsaufschwung die Nachfrage nach Trinkwasser kontinuierlich ansteigt und somit permanenter Wassermangel herrscht.

Die Belastung des Grund- und Oberflächenwassers durch Abwässer und Abfälle aus der Industrie und den Haushalten nimmt stetig zu. Die Wasserqualität in den Küstenregionen ist durch den Bauboom in den Hafenstädten und die Aktivitäten in den Häfen stark beeinträchtigt  [Deutsche Botschaft Algier 2010]. Die Verlustraten in Trinkwasser- und Abwassersystemen sind aufgrund des schlechten Zustands der Leitungen beachtlich.

Aus den genannten Gründen besteht hoher Investitionsbedarf in den Bereichen Sanierung und Neubau von Anlagen zur Abwasserentsorgung und Trinkwasserversorgung. Bestehende Anlagen sind häufig unterdimensioniert oder weisen technische Probleme auf. Deshalb werden häufig ausländische Firmen gesucht, die sich in diesem Sektor engagieren [gtai 2009].

 

Inhalt

 

 

 

 

Niederschläge

Im Norden des Landes herrscht ein semiarides Klima mit einer sehr unregelmäßigen Verteilung der Niederschlagsmengen, auf ein Jahr bezogen, vor. Lange Trockenperioden wechseln sich mit kurzen heftigen Regenfällen und Hochwasser ab, wodurch eine starke Bodenerosion stattfindet. Die Niederschläge im Osten liegen mit 530 mm pro Jahr deutlich höher als die Niederschläge im Westen mit 260 mm. [Kadi 1997]

Die Niederschlagsmengen sind in Algerien seit den 70er Jahren stark zurück gegangen. 1970 wurde noch eine Niederschlagsmenge von 17 Milliarden m³ erreicht, heute sind es dagegen nur noch 10 Milliarden m³. [Le Maghreb 2010]

 

Oberflächengewässer

Das Oberflächenwasser in Algerien wird auf 12,4 Milliarden m³ geschätzt. Mehr als 90% der Abflüsse befinden sich in der Küstenregion des Landes, die lediglich 7% der Landesfläche darstellt. [ONA 2010]

In Algerien gibt es 58 Stauwerke mit einer Kapazität von 6 Millarden m³ Wasser. Die Stauwerke sind meist nur zu einem Bruchteil gefüllt (50% im Juli 2007). Jährlich werden rund 3 Milliarden m³ Wasser daraus genutzt. Aktuell sind 14 weitere Stauwerke in Bau und für weitere 56 sind Studien in Arbeit. [Baghdali 2007, MRE 2010]

Eine Liste der Stauwerke und deren Kapazitäten finden Sie unter www.mre.gov.dz/eau/ressources_mre.htm.

Die Wasserqualität im Küstenbereich ist aufgrund von Abfällen, ungereinigten kommunalen und industriellen Abwässern und Schiffshavarien häufig sehr schlecht. Dadurch besteht ein hohes Risiko für die menschliche Gesundheit beim Baden und bei anderen Wassersportarten [Nabela 2004]. Von drei Stränden müssten zwei aufgrund der schlechten Wasserqualität für das Baden gesperrt werden. [Mutations 2007]

 

 

Grundwasser

Die Grundwasserressourcen betragen etwa 2 Milliarden m³ im Norden des Landes und rund 5 Milliarden m³ im Süden des Landes, die sich in zwei großen Grundwasserreservoirs befinden (continental intercalaire - CI - und complexe terminal - CT) [ONA 2010]. Die Vorräte im Norden stammen in erster Linie aus Niederschlägen und stellen somit eine erneuerbare Ressource dar. Jährlich werden davon rund 1.500 Mio. m³ genutzt. Die Vorräte im Süden des Landes gelten dagegen als nicht erneuerbar. Die nutzbaren Ressourcen, ohne dasss das hydrodynamische Gleichgewicht zertsört wird, werden auf 5 Millarden m³ Wasser pro Jahr geschätzt. Aktuell werden rund 1,6 Milliarden m³ aus Brunnen und 85 Mio. m³ aus Foggaras genutzt. [MRE 2010]

Eine Liste der Grundwasserreservoirs finden Sie hier

www.mre.gov.dz/eau/ressources_mre.htm.

Aufgrund der landwirtschaftlichen Nutzung und zunehmenden Defiziten in der Abfallentsorgung und der Abwasseraufbereitung ist das Grundwasser zunehmend mit Schadstoffen, vor allem mit Nitrat, belastet. [Mutations 2007]

 

 

Trinkwasser

Der Wasserverbrauch steigt beständig. Ursachen dafür sind die wachsende Bevölkerung, der steigende Lebensstandard sowie die zunehmende Industrialisierung und Bewässerung. In Algerien werden pro Jahr 2,5 Milliarden m³ Trinkwasser produziert. Pro Kopf werden jährlich rund 600 m³ Trinkwasser verbraucht. Die internationale Norm liegt bei 1.000 m³/Jahr. Um die Trinkwasserversorgung abzusichern, sollen alle Städte an der Küste mit einer Meerwasserentsalzungsanlage ausgestattet werden.

Das Grundwasser und das in Stauwerken gespeicherte Wasser sind für die Trinkwasserversorgung der Siedlungen im Landesinneren vorgesehen. Trotz großer Investitionen in die Trinkwasserversorgung und den Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen wird die Wasserversorgung in Algerien immer ein Problem darstellen. Durch Leckagen im desolaten Leitungssystem und illegale Anzapfungen des Leitungssystems gehen rund 60-70% des produzierten Trinkwassers verloren, was die Kosten für die Trinkwasserversorgung nach oben treibt.

Für die Landwirtschaft ist ebenfalls eine Zunahme des Wasserbedarfs festzustellen. [Le Maghreb 2010, Mutations 2007]

 

 

Meerwasserentsalzung

Aufgrund der Wasserknappheit in Algerien spielen Meerwasserentsalzungsanlagen zunehmend eine Rolle. Das Ministerium für Wasserressourcen (MRE) hatte bereits im Jahr 2002 ein Eilprogramm zur Meerwasserentsalzung aufgelegt. Im Rahmen des Programms wurden 21 kleine mobile Station mit einer Kapazität von 57.500 m³/Tag errichtet, 8 Stationen davon von der deutschen Firma Linde-KCA. Es wurden auch 4 große große Analgen mit einer Gesamtkapazität von 590.000 m³/Tag gebaut. [MRE 2010]

Bis Ende 2011 sollen 13 Meerwasserentsalzungsanlagen mit einer Gesamtkapazität von 2,26 Mio. m³/Tag in Betrieb sein. Dadurch könnten in den Küstenregionen pro Kopf etwa 70 l/Tag und Person bereit gestellt werden. Die Anlagen werden im Rahmen des Programms zur Entwicklung der Wasserressourcen errichtet. In die Projekte sind meist auch ausländische Investoren, Planer und ausführende Firmen involviert. [Fabbri 2010]

Für die Versorgung aller Siedlungen an der Küste wird von einem Produktionsvolumen von 1,2 Mio. m³/Tag ausgegangen [MRE 2010].

Die Meerwasserentsalzung kann auch mit solarthermischen Kraftwerken bzw. mit reinen solarthermischen Anlagen vorgenommen werden.

 

 

Abwasser

In Algerien fallen jährlich 730 Mio. m³ Abwasser an (Stand 2007). Es wird erwartet, dass die Abwassermengen bis 2020 auf 1 Milliarde m³ ansteigen. Es ist vorgesehen, dass mindestens jede Siedlung mit mehr als 100.000 Einwohnern über eine Abwasseraufbereitungsanlage verfügt. Ende 2010 wurde eine Entsorgungskapazität von 700 Mio. m³/a erreicht. Das Abwassernetz Algeriens umfasst rund 40.000 km, mit dem 86% des Abwassers erfasst werden [MRE 2010-1 und MRE 2010-2, 14]. Aufgrund von regelmäßigen Pannen und Problemen in den Kläranlagen kann jedoch von einer deutlich niedrigeren Aufbereitungsrate ausgegangen werden. Aufgrund der mangelnden Aufbereitung ist das Grundwasser mit Schadstoffen wie z.B. Nitrat angereichert [Mutations 2007]. Bis 2020 soll die Abwasseraufbereitungskapazität auf 990 Mio. m³ und bis 2030 auf 1.100 Mio. m³ erhöht werden [Baghdali 2007, 9].

Aufbereitetes Abwasser soll zunehmend wiederverwertet werden, insbesondere zur Bewässerung in der Landwirtschaft [Le Maghreb 2010]. Die erste Abwasserreinigungsanlage in Reghaia, mit der täglich 80.000 m³ Abwasser aufbereitet werden, wurde im Jahr 2008 fertig gestellt [Wabag 2008]. Aktuell (April 2010) werden 4.000 ha mit aufbereitetem Abwasser bewässert. Kurzfristig soll diese Art der Bewässerung auf 40.000 ha und langfristig auf 100.000 ha ausgedehnt werden [Le Maghreb 2010]. Häufig gelangen aber auch unaufbereitete Abwässer im Rahmen illegaler kommunaler Entwässerung [All Africa 2010] oder illegaler Bewässerung auf landwirtschaftliche Flächen. Dadurch sind Lebensmittel und Tiere häufig mit Bakterien, toxischen Substanzen und Schwermetallen belastet. Derart belastete Nahrungsmittel, die auf den Märkten verkauft werden, stellen ein hohes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung dar [Liberté 2010].

In den Kläranlagen der ONA entstehen bei der Abwasseraufbereitung monatlich 2.000 t Klärschlamm. Diese sind nach dem Abfallgesetz Nr. 01-19 und der VO Nr. 2006-104 als Spezialabfälle, die entsprechend entsorgt werden müssen, anzusehen. Die Klärschlammverwertung befindet sich aktuell noch im Versuchsstadium [ONA 2010].

 

 

Gesetzlicher und institutioneller Rahmen

Die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen im Bereich der Wasserver- und der Abwasserentsorgung wurden in den letzten Jahren im Rahmen einer Wassersektorreform, die im Jahr 2000 begonnen hat, verbessert. Das Wassergesetz (Gesetz Nr. 05-12) wurde aktualisiert und staatliche Unternehmen zur Wasserversorgung (ADE) und zum Abwassermanagement (ONA) sowie eine Regulierungsbehörde eingerichtet. Zusätzlich wurde eine Finanzreform eingeleitet. Die Verwaltung der regionalen Wasserressourcen erfolgt durch fünf Regionale Wasserbehörden.

Für eine nachhaltige, intergierte Wasserbewirtschaftung mangelt es jedoch bisher immer noch an organisatorischem und technischem Fachwissen [GTZ 2010].

 

Im Rahmen des „Wirtschaftsförderprogramms 2010-2014“ sind Investitionen von 20 Mrd. $ in den Wassersektor vorgesehen: Damit sollen folgende Projekte umgesetzt werden:

  • Bau von 10 (aktuelleren Infos zufolge 13) Entsalzungsanlagen
  • Sanierung von 20 und Bau von 52 Kläranlagen
  • Neubau von 35 Stauanlagen und 25 Wasserversorgungsnetzen bis 2014
  • Bis 2015 Kapazitätenausbau zur Produktion von 3,6 Mrd. Trinkwasser pro Jahr
  • 500 km Kanalisation mit 2 vorgesehenen Pumpstationen von Naâma nach Tlemcen
  • Sanierung des Wasserversorgungsnetzes in 32 Städten [Hergenröther 2010]

 

Rund 40% des nationalen Abwassernetzes werden von der ONA betreut. Der Rest befindet sich aktuell noch in kommunaler Verwaltung, soll zukünftig aber auch an die ONA übergeben werden. In einigen großen Städten hat die ONA die Betreuung der Abwasserentsorgung an Privatbetriebe (z.B. SEAAL in Algier) abgegeben und überwacht lediglich den entsprechenden Betrieb [ONA 2010].

 

Abwassertarif

Der Abwassertarif setzt sich aus drei Teilen zusammen: Grundtarif je nach Zone + feste Abgabe + variable Abgabe in Abhängigkeit des Sektors (Haushalt, Tertiärsektor, Industrie und Tourismus) [ONA 2010].