Abfallwirtschaft in Algerien

 

Die Abfallentsorgung stellt in Algerien vor allem in den Ballungszentren an der Mittelmeerküste ein großes Problem dar. Dort drängen sich auf 4% der Landesfläche rund 65% der Bevölkerung [Solid Waste Management Centre 2010]. Aufgrund der mangelnden Entsorgung häufen sich die Müllberge, was nicht nur zu Verunreinigungen des Bodens und des Grund- und Oberflächenwassers führt, sondern auch hygienische und gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung in sich birgt. Von Seiten der Regierung wird dem Abfallsektor deshalb aktuell eine hohe Bedeutung beigemessen.

 

Inhalt

 

 

 

Spezifische Abfallmengen

In Algerien wird mit einer jährlichen Menge an Hausmüll und hausmüllähnlichen Abfällen von 8,5 Mio. Tonnen, d. h. ~23 kg/Tag und durchschnittlich 0,75 kg/Person und Tag, gerechnet [Sweep-Net 2010, 5]. In der Hauptstadt Algier sind es 1 kg/Person und Tag. Die Abfallmengen werden aufgrund der Entwicklung des Landes, d.h. durch zunehmende Bevölkerungszahl und zunehmenden Lebensstandard, in den kommenden Jahren voraussichtlich noch ansteigen.

Das Abfallwirtschaftssystem wird in den vergangenen und kommenden Jahren stark ausgebaut. Bisher werden aber nur 85% der städtischen Abfälle und 60% der ländlichen Abfälle eingesammelt [Sweep-Net 2010, 5]. Es stehen nur ungenügend ausgebildetes Personal und wenige Sammelfahrzeuge zur Verfügung. Die Abfallsammlung erfolgt in vielen Gebieten unregelmäßig. Abfallbehälter und –sammelfahrzeuge sind nicht standardisiert, wodurch die Abfallsammlung erschwert wird.

In der Vergangenheit wurde ein Großteil der Abfälle auf rund 3.000 wilden Deponien (150.000 ha [Mutations 1 2007]) oder auf kontrollierten Deponien abgelagert, die ohne jegliche Berücksichtigung von Umweltbelangen errichtet und betrieben wurden. Die Entsorgungssituation soll in den kommenden Jahren verbessert werden.

Der Wert der wiederverwertbaren Abfallmengen wird auf 3,5 Milliarden Dinar pro Jahr geschätzt (jährlich 385.000 Tonnen Papier, 130.000 Tonnen Kunststoff, 100.000 Tonnen Metall, 50.000 Tonnen Glas und 95.000 Tonnen diverser Materialien, insgesamt 760.000 Tonnen). Das Umweltministerium hat die finanziellen Verluste aus der unzureichenden Abfallsammlung und ‑entsorgung auf 0,32% des PIB geschätzt (0,19% aufgrund gesundheitlicher Schäden und Lebensbedingungen und 0,13% aufgrund wirtschaftlicher Aspekte, z.B. fehlende Wiederverwertung) [Mutations 2 2007].

 

Spezifische Abfallzusammensetzung

Auf qualitativer Ebene unterscheidet sich die Natur der Abfälle in Algerien erheblich von der in industrialisierten Ländern. Insbesondere der Wassergehalt und der Anteil an gärungsfähigen organischen Anteilen liegen deutlich höher.  Die Abfallzusammensetzung variiert von Region zu Region.

Tabelle: Abfallzusammensetzung in Algerien [Sweep-Net 2010, 5]

Fraktion

Algerien

Organischer Anteil

60 - 65%

Papier

9 - 10%

Plastik

11 - 13%

Textilien

10 - 12%

Glas

1 - 1,5%

Metall

1 - 2%

Rest

2 - 4%

 

 

Behandlungswege

Bisher werden nur 4-5% der Abfälle in Algerien recycelt. Etwa 15% gelangen in Abfallbehandlungsanlagen und 80% auf Deponien [Sweep-Net 2010, 5].

Es gibt eine Wiederverwertungsanlage für Glas in Oran von der Firma Alver, einer Tochterfirma von Enava. Papierverwertung übernimmt die Firma Tonic [Mutations 3 2007].

 

Gefährliche Abfälle

In Algerien werden drei verschiedene Abfallarten unterschieden:

  1. Gefährliche Abfälle: toxische und radioaktive Abfälle
  2. Industrielle Abfälle: unterteilt in inerte Abfälle, gewöhnliche industrielle bzw. hausmüllähnliche Abfälle und industrielle Sonderabfälle
  3. Hausmüll- und hausmüllähnliche Abfälle

In der algerischen Industrie fallen jährlich 2,6 Mio. Tonnen Abfälle an. Rund 4,5 Mio. Tonnen werden aktuell noch gelagert. Davon sind jährlich rund 325.000 Tonnen pro Jahr gefährliche industrielle Abfälle und 2 Mio. Tonnen der gelagerten Abfälle gefährliche industrielle Abfälle. Vier verschiedene Branchen sind für 86% der gefährlichen industriellen Abfälle verantwortlich: der Kohlenwasserstoffsektor, die chemische Industrie, die Eisen- und Stahlindustrie und der Bergbau [Belherazem 2010, 11]. Die Abfälle fallen in erster Linie in den industriellen Ballungszentren Algier, Oran, Béjaia, Skikda, Annaba und Tlemcen an (87% der gefährlichen und 95% der gelagerten Abfälle).

Nach dem Abfallgesetz Nr. 01-19 dürfen gefährliche und Sonderabfälle nur noch in den dafür bestimmten und genehmigten Anlagen entsorgt werden. Vor-Ort-Recherchen haben jedoch gezeigt, dass eine fachgerechte Entsorgung der Abfälle trotz gesetzlicher Vorschriften häufig nicht möglich ist. Möglichkeiten zur Abfallentsorgung im industriellen Bereich fehlen. Abfälle werden oft auf ungeeigneten, außerbetrieblichen Plätzen abgelagert. Es gibt keine Sammel- und Transport- und Behandlungsmöglichkeiten für Sonderabfälle [Dahlab 2007].

Deshalb wurde infolge des Abfallgesetzes ein Programm zur Behandlung von Sonderabfällen, darunter giftige nicht verwertbare Abfälle (Asbest, Quecksilber, Zink, Pflanzenschutz- und Arzneimittel u. a.), ins Leben gerufen (PNAGDES und/oder programme d'élimination des déchets générés par les activités industrielles). Zur Vorbereitung des Programms wurden im Jahr 2002 im Rahmen eines Abfallkatasters zunächst die Abfallmengen und die Zusammensetzung der gefährlichen Abfälle ermittelt [Mutations 4 2007].

Nach Vorgaben des Programms müssen die Verursacher für gelagerte gefährliche Abfälle Steuern bezahlen. Durch diese sollen die Verursacher dazu motiviert werden, die gefährlichen Ablagerungen abzubauen [Samir 2006]. In der Praxis wird diese Steuer allerdings häufig nicht erhoben.

 

Gesetzlicher und institutioneller Rahmen

Die Missstände im Bereich der Abfallentsorgung sind in erster Linie auf die in der Vergangenheit fehlenden institutionellen, organisatorischen, technischen und auch gesetzlichen Rahmenbedingungen zurück zu führen. Zahlreiche politische Maßnahmen, wie z. B. Gesetze, die in den 80er Jahren erlassen wurden, entfalteten keine Wirkung. Zuständigkeiten waren nur ungenügend definiert und auf Kommunalebene standen nicht ausreichend Gelder für die Abfallentsorgung zur Verfügung.

Am 12. Dezember 2001 wurde deshalb das Gesetz 01-19 zur Verwaltung, Kontrolle und der Beseitigung von Abfällen erlassen und 2002 eine nationale Abfallagentur (AND) eingerichtet, die die Kommunen bei der Abfallentsorgung mit Know-how unterstützen soll. Im Rahmen des Gesetzes wurde zunächst ein allgemeiner Rahmen zur Abfallbeseitigung und –aufbereitung geschaffen [Mutations 2 2007, 4]. Zur Umsetzung des Gesetzes hat die Regierung im Jahr 2002 ein Programm zur Abfallbeseitigung aufgelegt (PROGDEM). Im Rahmen des Programms wird die Sammlung, der Transport sowie die Verwertung und Entsorgung der kommunalen Abfälle verbessert. Daneben sind Maßnahmen zur Sanierung und zum Neubau von Deponien enthalten [Mutations 4 2007, 1 ff.]. Insgesamt sind im Rahmen des Programms 65 neue Deponien vorgesehen [Rebah M'hamed 2008]. Das Programm ist zusammen mit dem Plan zur Behandlung von Sonderabfällen (PNAGDES) Teil des Nationalen Aktionsplans für die Umwelt und die Nachhaltige Entwicklung (PNAE-DD) [Mutations 3 2007]. Weiterhin wurde ein Programm zur Sammlung wiederverwertbarer Stoffe gestartet (ECO-JEM).

Das Ministerium für Stadt- und Raumplanung und Umweltschutz (MATE) arbeitet die übergeordneten Gesetze, Regelungen und Leitfäden im Bereich der Abfallentsorgung aus bzw. überarbeitet diese. Mit Hilfe der nationalen Abfallagentur (AND) werden die Kommunen von Regierungsseite aus bei der Abfallentsorgung unterstützt.

Die Aufgabe der Abfallentsorgung obliegt traditionell den Kommunen, die für die Hygiene und die Gesundheit der Bevölkerung zuständig sind. Die Zuständigkeit ist im Code Communal und dem Abfallgesetz 01-19 geregelt. In der Vergangenheit konnten die Kommunen der ihnen obliegenden Aufgabe nur ungenügend Rechnung tragen. Aufgrund der fehlenden Gelder zeigt bisher auch das PROGDEM nur wenig Erfolg [Mutations 2 und 3 2007].

Die Investitionskosten für die adäquate Abfallentsorgung werden von den zuständigen Umweltbehörden auf 50 US-Dollar bzw. auf 4.000 Dinar/Tonne geschätzt [Mutations 3 und 4 2007]. Im Rahmen des „Wirtschaftsförderprogramms 2010-2014“ werden Gelder für den Bau von 50 Deponien bereit gestellt [Hergenröther 2010].

Die weiteren laufenden Kosten (1.500-2.000 Dinar/Tonne [GTZ/ERM/GKW 2004, 2]) sollen nach dem Verursacherprinzip durch die Kommunen abgedeckt werden. Dafür wurden im Jahr 2002 die Steuer für die Abfallentsorgung erhöht (500-1.000 Dinar/Jahr und Haushalt, 1.000-10.000 Dinar/Jahr für kommerzielle Aktivitäten, 5.000-20.000 Dinar/Jahr für Campingplätze, 10.000-100.000 Dinar/Jahr für industrielle und große kommerzielle Betriebe). Trotz der Aufstockung der Steuern tragen die Gelder nur geringfügig zur Abdeckung (20-30%) des aktuell existieren Abfallentsorgungssystems bei [Solid Waste Management Centre 2010]. Rund ein Drittel der Nutzer (Stand 2007) zahlen keine Steuern [Mutations 3 und 4 2007].

Es ist vorgesehen, dass die Kommunen für die Abfallsammlung, -entsorgung, –aufbereitung und -verwertung öffentliche Einrichtungen mit industriellem und wirtschaftlichem Charakter gründen, denen auch der Betrieb der Abfalldeponien obliegt [Rebah M'hamed 2008]. Zudem soll der Eintritt privatwirtschaftlicher Unternehmen in den Abfallsektor gefördert werden, die durch Verträge und Konzessionen mit Abfallsammlung, -entsorgung und –verwertung betraut werden. Entsprechende Firmengründungen werden von staatlicher Seite unterstützt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) leistet durch Ausbildung von Multiplikatoren Unterstützung beim Ausbau des Abfallsektors [Adelphi 2011].

Privatwirtschaftliche Unternehmen sind im Abfallsektor bisher kaum zu finden. Allerdings hat sich ein informeller Parallelmarkt durch die private Abfallsammlung wiederverwertbarer Abfälle auf Ebene der öffentlichen Deponien ausgebildet. Im Vergleich zu den verfügbaren Abfallmengen werden hier jedoch nur geringe Mengen Wertstoffe umgesetzt. Dabei handelt es sich überwiegend um Metall, Papier und Textilien.

Neben der Schaffung gesetzlicher Grundlagen finden Sensibilisierungsmaßnahmen der Bevölkerung über NGOs, lokale Umweltgruppen und die Integration von Umweltbelangen in das Bildungssystem statt [Solid Waste Management Centre 2010].